Leserbrief

Leserbrief

DOI: https://doi.org/10.4414/smf.2020.08485
Veröffentlichung: 25.03.2020
Swiss Med Forum. 2020;20(1314):238

Prof. em. Dr. Richard Herrmann, Riehen

Bestimmung des karzinoembryonalen Antigens (CEA)

Leserbrief zu: Geiger-Jacquod A, Digklia A, Werner D, Aebischer O. Das karzinoembryonale Antigen bei Kolorektalkarzinomen. Swiss Med Forum. 2019;19(45–46):753–5.

Geiger-Jacquod und Kolleginnen beschreiben den klinischen Einsatz einer Bestimmung des karzinoembryonalen Antigens (CEA) im Serum vor dem Hintergrund des Krankheits­verlaufs einer Patientin mit kolorektalem Karzinom [1]. Nach meiner Erfahrung wird die CEA-Bestimmung (und diejenige anderer ­Serumtumormarker) zu häufig unkritisch eingesetzt. Daher erlaube ich mir dazu einige Bemerkungen.

Es ist richtig, dass die Höhe des CEA-Wertes von ungünstiger prognostischer Bedeutung ist, wenn sich dieser Wert nicht postoperativ normalisiert. Hier ist es aber wichtig, den Begriff «postoperativ» zu definieren. In der ­zitierten Publikation war das 12 Wochen nach Operation. Die CEA-Halbwertszeit beträgt 3–5 Tage, sodass wenige Tage nach Operation noch CEA nachweisbar sein kann, das vom entnommenen Tumorgewebe stammt. Der einzige Nutzen einer präoperativen Bestimmung ist die Information, ob das vorliegende Karzinom überhaupt nennenswert CEA sezerniert, weil es dann ein nützlicher Verlaufs­parameter in der Nachsorge sein kann. Die Kenntnis eines CEA-Wertes beeinflusst das Management der Patienten sonst aber nicht. Der CEA-Wert ist also nicht prädiktiv.

Grundlegender ist die Frage, ob bei asymptomatischen Patienten überhaupt eine palliative Chemotherapie begonnen werden sollte, besonders wenn sie schon in fortgeschrittenem Alter sind. Ackland et al. haben diese Frage in einer Metaanalyse von zwei zugegebenermassen relativ kleinen Studien verneint [2]. Der bekannte kanadische Onkologe Ian Tannock hat dies in einem 2015 auf dem Europäischen Onkologenkongress gehaltenen Referat [3] so formuliert: «There are only two goals of any new treatment: To allow the patient to live longer and/or to allow the patient to live better. If systemic therapy is to be palliative, then it must improve either the duration or the quality of survival.»

Bei der Verlaufskontrolle unter Chemotherapie kann der CEA-Wert die Beurteilung des mit Bildgebung festgestellten Therapieerfolgs bei manchen Patienten bestätigen. Es muss aber berücksichtigt werden, dass in den ersten Wochen einer erfolgreichen Therapie der CEA-Wert deutlich ansteigen kann als Ausdruck des Tumorzerfalls. In der zurzeit aktuellen Version der Guidelines der «European Society for Medical Oncology» (ESMO) [4] erscheint keine diesbezügliche Empfehlung mehr.

Credits

Kopfbild: © Thomas Gowanlock | Dreamstime.com

Literatur

1 Geiger-Jacquod A, Digklia A, Werner D, Aebischer O. Das karzinoembryonale Antigen bei Kolorektalkarzinomen. Swiss Med Forum. 2019;19(45–46):753–5.

2 Ackland SP, Jones M, Tu D, Simes J, Yuen J, Sargeant AM, et al. A meta-analysis of two randomised trials of early chemotherapy in asymptomatic metastatic colorectal cancer. Br J Cancer. 2005;93:1236–43.

3 Tannock IF. When to start systemic therapy: Indications for initiation of treatment vs. watchful waiting. Community Oncology Working Group (COWG): «Optimal use of systemic therapy in the palliative setting». ESMO Congress, Madrid. 09/2014.

4 Van Cutsem E, Cervantes A, Adam R, et al. ESMO consensus guidelines for the management of ­patients with metastatic colorectal cancer. Ann ­Oncol. 2016;27:1386–422.

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