Editorial

Eine Sondernummer in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft

Neurologie: eine therapeutische Disziplin

DOI: https://doi.org/10.4414/smf.2020.08608
Veröffentlichung: 23.09.2020
Swiss Med Forum. 2020;20(3940):514

Prof. Dr. med. Claudio L. A. Bassettia, Prof. Dr. med. Renaud Du Pasquierb, Prof. Dr. med. Ludwig Kapposc, Prof. Dr. med. Andreas Kleinschmidtd, Prof. Dr. med. Michael Wellere

a Klinikdirektor, Universitätsklinik Bern, Past-Präsident der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft (SNG); b Klinikdirektor, Universitätsklinik Lausanne, Past-Präsident SNG; c Klinikdirektor, Universitätsklinik Basel; d Klinikdirektor, Universitätsklinik Genf; e Klinikdirektor, Universitätsspital Zürich

Neurologische Krankheiten sind in den letzten Jahren als ein hochrelevantes Gesundheitsproblem erkannt worden, das in den kommenden Jahren wegen der Alterung der Gesellschaft weiter zunehmen wird [1]. Eine Arbeit aus dem Jahre 2010 schätzte, dass mehr als 3,3 Millionen Schweizer unter einer neurologischen Krankheit leiden1, mit dadurch assoziierten Gesundheitskosten von über 5 Milliarden CHF/Jahr [2, 3]. Eine Analyse aus dem Jahre 2016 zeigt zudem, dass neurologische Krankheiten die häufigste Ursache einer Frühinvalidität und die zweithäufigste Todesursache weltweit darstellen [1].

Neurologie ist als eigenständiges Fach Mitte des 19. Jahrhunderts aus der Inneren Medizin und Psychiatrie in England, Frankreich und Deutschland entstanden. Die ersten Lehrstühle der Schweiz wurden in Zürich (von Monakov, 1894), Bern (Dubois, 1902) und Basel (Bing, 1918) geschaffen. Die Gründung der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft (SNG) erfolgte 1908 [4]. Die Etablierung der Neurologie als selbständiges Fach war in der Schweiz (wie auch international) langsam. Erst 1932 führte die FMH (Foederatio Medicorum Helveticorum) den Facharzttitel für Neurologie ein und die ersten eigenständigen Bettenstationen der Schweiz wurden 1951 (Zürich) und 1958 (Bern) eröffnet [5]. Sicher wurden die Anerkennung und das Wachstum des Faches unter anderem dadurch verzögert, dass die Neurologie lange vor allem als diagnostische Disziplin mit beschränkten therapeutischen Möglichkeiten galt.

In den letzten 20 Jahren verwandelte sich die Neurologie rasant zu einer Disziplin mit effizienten Therapien, die die Lebenserwartung und Lebensqualität von Patientinnen und Patienten unter anderem mit Schlaganfall, Multipler Sklerose, Migräne, Parkinson, Epilepsie, Polyneuropathie, Hirntumoren und Schlafstörungen wesentlich verbessern [6–8]. Parallel hierzu konnten auch die Prävention, Rehabilitation und Palliation neurologischer Krankheiten erfolgreich ausgebaut werden. In den allerletzten Jahren sind schliesslich gezielte (bzw. präzise) Therapien auch für bis anhin unbehandelbare genetische Erkrankungen wie Muskeldystrophien möglich und für neurodegenerative Erkrankungen in greifbarer Nähe [9–11].

Die Neurologie ist heute eine dynamische, hochspezialisierte und therapeutische Schlüsseldisziplin geworden, die stark translationell und multidisziplinär handelt und über ein grosses Innovationspotential (u.a. hochauflösendes Neuroimaging, Präzisionsmedizin, Teleneuromedizin, Digitalisierung, Hirnstimulation und Brain-Machine-Interface-Ansätze) verfügt [12–15].

Diese Sondernummer bringt Beiträge aus den fünf neurologischen Universitätskliniken, aber auch nicht-universitären Institutionen zusammen, die eindrückliche Fortschritte in Verständnis, Diagnostik und vor allem Management neurologischer Erkrankungen präsentieren. Wir hoffen, dass die Lektüre dieser spannenden Artikel bei den Leserinnen und Lesern des Swiss Medical Forum Anklang finden wird.

1 Folgende 9 Krankheits­gruppen (mit geschätzten Prävalenzdaten für die Schweiz) wurden berücksichtigt: Kopfschmerzen (n = 2 359 744), Schlafstörungen (n = 682 598), Demenzen (124 218), Schlaganfall (71 156), Epilepsie (38 150), Parkinson (17 624), Multiple Sklerose (7669), neuromuskuläre Erkrankungen (n = 3894), Hirntumoren (3504).

Disclosure statement

Die Autoren haben keine finanziellen oder persönlichen Verbindungen im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

Credits

Kopfbild: Science Photo Library / Alamy Stock Photo

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med.
Claudio L. A. Bassetti
Klinikdirektor,
Universitätsklinik für
Neurologie, Inselspital Bern
Dekan, Medizinische ­Fakultät Bern,
Präsident, «European ­Academy of Neurology»
claudio.bassetti[at]insel.ch

Literatur

1 Feigin A, Vos T, Nicholas E, et al. The global burden of neurological disorders: translating evidence into policy. Lancet Neurol. 2020;19:255–65.

2 Gustavsson A, Svensson M, Jakobi F, et al. Cost of Disorders of the Brain in Europe 2010. Eur Neuropsychopharmacol. 2011;21:718–79.

3 Maercker A, Perkonigg A, Preisig M, et al. The costs of disorders of the brain in Switzerland: An update from the European Brain Councl study for 2010. Swiss Med Wkly. 2013;143.

4 Bassetti CL, Hess CW, Steck A, Ludin HP. A 110-year history of the Swiss Neurological Society (SNG) through the biosketches of its first 42 presidents. Clinical and Translational Neurosci. 2018;2:DOI: 10.1177/2514183X18788797.

5 Bassetti CL, Galimanis A, Du Pasquier R. The new Swiss postgraduate training (residency program) in neurology: Making Swiss neurologists more competitive. Clinical and Translational Neurosci. 2018;2:DOI: 10.1177/2514183X18792760.

6 Ropper AH. Two Centuries of Neurology and Psychiatry in the Journal. New Engl J Med. 2012;367:58–65.

7 Jung HH, Arnold M, Du Pasquier R, et al. Fulminanter Nutzenzuwachs in der Neurologie (Teil 1). Schweiz Aerztezeitung. 2017;98:1394–5.

8 Jung HH, Baumann CL, Kälin A, et al. Fulminanter Nutzenzuwachs in der Neurologie (Teil 2). Schweiz Aerztezeitung 2017;98:1440–1.

9 Finkel RS, Mercuri E, Darras BT, et al. Nusinersen versus Sham Control in Infantile-Onset Spinal Muscular Atrophy. N Engl J Med. 2017;377:1723–32.

10 Tabrizi SJ, Leavitt BR, Landwehrmeyer GB, et al. Targeting Huntingtin Expression in Patients with Huntington’s Disease. N Engl J Med. 2019;380:2307–16.

11 Miller TD, Cudkowicz PJ, Shaw PM, et al. Phase 1–2 Trial of Antisense Oligonucleotide Tofersen for SOD1 ALS. N Engl J Med. 2020;383:109–19.

12 Bassetti C, Merlo A, Steinlin M, Valavanis A, Weder B. SFCNS: Eine starke Allianz der klinsichen Neurodisiplinen. SAEZ. 2013;94:870–2.

13 Deuschl G. The future of neurology in Europe. Clinical and Translational Neuroscience. 2017;1:1–4.

14 Sacco RL. Neurology. Challenges, opportunities, and the way forward. Neurology 2019.

15 Bassetti CLA, Fazekas F. The European Academy of Neurology is 6 years old: challenges, opportunities and strategic priorities for the future. Eur J Neurol. 2020;27:1351–3.

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