Editorial

«Wie deuten Sie diesen Befund?» – eine neue Rubrik im Swiss Medical Forum

«Just listen to your patient, he is telling you the diagnosis»1

DOI: https://doi.org/10.4414/smf.2019.08098
Veröffentlichung: 05.06.2019
Swiss Med Forum. 2019;19(2324):373

Prof. Dr. med. Gérard Waeber

Redaktor Swiss Medical Forum; Département de médecine, Centre hospitalier universitaire vaudois, Lausanne

Vor über 40 Jahren wurden im British Medical Journal die Resultate einer Studie veröffentlicht, die den Leitsatz (s. Titel) von William Osler bestätigte [1]. Sie wurde im Bereich der ambulanten Medizin durchgeführt und kam zum Schluss, dass 80% der Diagnosen auf Grundlage einer Anamnese gestellt wurden, während eine klinische Untersuchung in fast 30% der Fälle als sinnvoll erachtet wurde, um die Diagnose zu bestätigen. Obwohl die Laborergebnisse bei 24% der Patienten auffällig waren, führten sie lediglich in 9% der Fälle zu einer Änderung der Diagnose oder Therapiestrategie.

Zwar wird man die Bedeutung der Anamnese nie infrage stellen, doch wurde Oslers Leitsatz in den letzten zwanzig Jahren immer weniger berücksichtigt.

Durch die Labormedizin hat sich das Vorgehen bei der Diagnosestellung tiefgreifend verändert. Bereits 1996 kam Forsmann zum Schluss, dass 60–70% der kritischen Entscheidungen bei Diagnose und Therapie ­anhand eines Laborresultats getroffen wurden [2]. Laut Becich [3] erfordern 70% der wichtigen Entscheidungen über die Versorgung eines Patienten Laborergebnisse oder pathologische Untersuchungen und 70% der Angaben im elek­tronischen Patientendossier sind Laborresultate.

Heute stellt wohl niemand mehr die Wichtigkeit para­klinischer Untersuchungen für die Diagnosestellung infrage. Die Kunst besteht vielmehr darin, anhand der vermuteten Diagnose die passende Laboruntersuchung auszuwählen und zu gewährleisten, dass die gewonnenen Ergebnisse korrekt interpretiert werden. Dazu bedarf es natürlich einer sehr guten Anamnese und einer aufmerksamen klinischen Untersuchung. Überdies erkennt man an der diagnostischen Wahrscheinlichkeit, ob eine zusätzliche paraklinische Labor- oder radiologische Untersuchung sinnvoll ist.

Vor diesem Hintergrund hat das JAMA vor fünf Jahren eine hervorragende Rubrik mit dem Namen «JAMA Dia­gnostic Test Interpretation» eingeführt [4]. Dabei handelt es sich um eine Artikelreihe, bei der ein Laborresultat im Rahmen eines Quiz korrekt interpretiert werden soll. Diese Artikel sind sowohl für angehende als auch für erfahrenere Ärzte äusserst lehrreich.

Das Swiss Medical Forum (SMF) hat sich von dieser Artikelreihe des JAMA inspirieren lassen und möchte von nun an einen ähnlichen pädagogischen Ansatz verfolgen, der jedoch die schweizerischen und europäischen Gegebenheiten berücksichtigt.

Daher wurde die neue Rubrik «Wie deuten Sie diesen Befund?» eingeführt. In ihr soll anhand von Fragen zu ­einem klinischen Fallbeispiel ein Laborresultat ausgewertet werden. In der aktuellen Ausgabe des SMF gibt es zwei Artikel dieser neuen Rubrik [5, 6]. Die Redaktion hofft, dass diese Ihre klinische Neugier anregen. Weitere werden folgen, jeweils zu so verschiedenen Themen wie der Interpretation von Koprokulturen, Blutkulturen, NT-proBNP-Werten, antinukleären Antikörpern (ANA), von CA-125 oder Schilddrüsenhormonen und anderem mehr.

Für die Auswertung eines Laborresultats ist ein kluges «Clinical Reasoning» erforderlich. Dabei geht es darum, das Ergebnis durch die Beurteilung seiner Relevanz anhand der Sensitivität und Spezifizität vor dem bestehenden klinischen Hintergrund zu erklären. In der Tat ist uns Klinikern die Bedeutung der präanalytischen oder analytischen Laborkriterien häufig kaum bewusst und wir wünschen uns von unseren Facharztkollegen für klinische Chemie, Mikrobiologie und aller Laborwissenschaften Unterstützung bei der korrekten Auswertung von Laborresultaten. Daher laden wir alle jungen Kliniker dazu ein, die Feder zu schwingen und klinische Fallbeispiele zu Papier zu bringen, bei denen die Laborergebnisse für sie schwer zu interpretieren waren. Dabei sollte ihnen ein Spezialist des entsprechenden Fachgebiets, wie beispielsweise ein Mikrobiologe oder ein Arzt mit Facharzttitel FAMH, beratend zur Seite stehen.

Wie alle SMF-Artikel werden auch die Beiträge für die neue Rubrik stets der kritischen Lektüre von externen Experten unterzogen. Wir möchten die Gelegenheit nutzen, diesen für ihr fachliches Know-how beim kon­struktiven Lektorat unserer Artikel herzlich zu danken.

1 Sir William Osler (1849–1919)

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Der Autor hat keine finanziellen oder persönlichen Verbindungen im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

Credits

Kopfbild: © Raquel Camacho Gómez | Dreamstime.com

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med.
Gérard Waeber
Chef du Département de  médecine
Centre hospitalier
universitaire vaudois
Rue du Bugnon 21
CH-1011 Lausanne
gerard.waeber[at]chuv.ch

Literatur

1 Hampton JR, et al. Relative contributions of history-taking, physical examination, and laboratory investigation to diagnosis and management of medical outpatients. BMJ. 1975:486–9.

2 Forsman RW. Why is the laboratory an afterthought for managed care organizations? Clinical Chem. 1996;42:813–6.

3 Becich MJ. Information management: moving from test results to clinical information. Clin Leadership Manag Rev. 2000;14:296–9

4 Livingston EH, et al. Jama Diagnostic Test interpretation. JAMA. 2014;311.

5 Bornet MA, Beau F, Bardy D, Boulat O, Kissling S. Bestimmung des Cystatin C zur Beurteilung der Nierenfunktion. Suisse Med Forum. 2019;19(23–24):391–393.

6 Gironda Cuéllar SI, Lamoth F, Schneider A. Ist es sinnvoll, (1→3)-β-D-Glucan im Serum zu bestimmen? Suisse Med Forum. 2019;19(23–24):394–396.

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