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Es ist Zeit umzudenken
«Die Alzheimer-Krankheit oder wie das Paarleben durch Wissenschaft und Wirtschaft kompliziert wird»

Vor Kurzem haben die Neurowissenschaften mit der Einführung von biologischen und bildgebenden Biomarkern die Definition der Demenzen angepasst. Obgleich die Spezifität der Marker nicht absolut ist, haben diese einerseits zu einer Erweiterung des Begriffs der dementiellen Syndrome in Bezug auf das klinische Erscheinungsbild und andererseits zur Neudefinition des Erkrankungsbeginns geführt, sodass Gedächtnissprechstunden in Zukunft bereits bei jungen asymptomatischen Personen, wenn nicht sogar im Schulalter, stattfinden werden, wobei eine individuelle Behandlung zahlreicher Risikofaktoren erfolgt. Bei den Patienten, die uns aktuell konsultieren, ist die Erkrankung bereits zu weit fortgeschritten, selbst wenn die entsprechenden Symptome im Anfangsstadium rein subjektiv empfunden werden. Dieser Fakt an sich impliziert geradezu einen Misserfolg präventiver Therapien, denn in einer idealen Zukunft sollten Alzheimer-Patienten dieses Erkrankungsstadium überhaupt nicht mehr erreichen. Dr. Rouaud und Prof. Démonet vom Centre Leenards de la Mémoire des CHUV zeigen in ihrem Update [1] in dieser Ausgabe des Swiss Medical Forum einen extremen Weitblick in Bezug auf die Auswirkungen der aktuellen Änderungen auf die tägliche Praxis im Bereich Dementologie.

Die enttäuschenden prokognitiven und derzeitigen krankheitsmodifizierenden Therapien, welche an der Ursache der Probleme ansetzen sollen, wurden respektive werden jedoch an eben jenen Patienten im Frühstadium der Erkrankung getestet, über welches diese, genau genommen, bereits hinaus sind. Die Behandlungen beruhen auf Versuchen an Tieren, die keine Hirnareale haben, welche bei Demenz degenerieren, sowie auf Zellen, deren Funktionsweise man noch lange nicht vollständig verstanden hat. Überdies besteht das Gehirn nicht ausschliesslich aus Nervenzellen, sondern aus einer dreigliedrigen Kombination von Nerven-, Gliazellen sowie Gefässen und verfügt über komplexe funktionelle Netzwerke, deren Prinzip man gerade erst zu verstehen beginnt. Dadurch entsteht eine Kluft zwischen dem durch die Medien noch befeuerten Optimismus der Wissenschaftler einerseits, welche anhand der theoretischen Grundlagen die Tragweite ihrer wissenschaftlichen Entdeckung übertreiben, um den Pharmaunternehmen die entsprechenden Patente verkaufen zu können, und der Enttäuschung der Ärzte über die tatsächliche Wirksamkeit der Medikamente andererseits, sodass ihnen als einzige Präventionsmassnahme bleibt, ihren Patienten körperliche Aktivität, Mittelmeerkost und die Ausübung einer gehirnstimulierenden und sozialen Tätigkeit zu verordnen.

Leider sind auch die Neurowissenschaften, wie alle Wissenschaften, der Liberalismuswelle und dem Gedanken der globalisierten Wirtschaft gefolgt, welche infolge des Falls der Berliner Mauer entstanden sind. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden wie Aktien gehandelt, die entsprechend rentabel sein müssen. Wissenschaftler haben sich zu Meinungsführern entwickelt (aus wissenschaftlicher Sicht ein Unding!) und es wurden Naturgesetze missachtet, um diese durch Anforderungen von Zulassungsbehörden (der «Food and Drug Administation» [FDA] …) zu ersetzen, die festlegen, unter welchen Bedingungen ein Medikament vermarktbar ist.

Die Forschung in Bezug auf die Alzheimer-Krankheit stellt diesbezüglich leider keine Ausnahme dar und hat sich in dieselbe Richtung wie die anderen Bereiche entwickelt. Die grossen Pharmaunternehmen haben sich, geblendet durch nicht reproduzierbare Artikel in Fachzeitschriften mit hohem Impact-Faktor, von echter Wissenschaft abgewendet, um lediglich die von den Zulassungsbehörden aufgestellten Kriterien zu erfüllen und ihre Medikamente zu verkaufen. Aufgrund der kurzen Patentdauer und der hohen Haftungskosten für Nebenwirkungen sind die Preise für einen getesteten vielversprechenden Wirkstoff auf Milliardenhöhe gestiegen. Dies führt zu einem schwindelerregenden Anstieg der Medikamentenpreise und dem Zusammenbruch der Gesundheitssysteme. Wenn ein grosses Pharmaunternehmen, wie kürzlich von den Medien berichtet, die Forschung in einem bestimmten Bereich aufgibt, beweist dies, dass es keine wissenschaftliche Zielsetzung verfolgt, zu der Misserfolge, Sackgassen und negative Resultate dazu gehören, sondern sich nach der Rentabilität für seine Aktionäre richtet, deren wissenschaftliches Interesse mit dem von ihnen angeblich verfolgten Ziel nur herzlich wenig zu tun hat.

Zu einem auf sexueller Fortpflanzung beruhenden ­Leben gehört auch der Tod, weshalb die morphogenetische Entwicklung, nach der sich alle Lebensvorgänge und Gehirnfunktionen richten, auch den umgekehrten Prozess des Abbaus beinhalten muss, der zuletzt zum Tode führt. Aufgrund der darwinistischen Kräfte ziehen die zukünftigen Generationen daraus ihren Nutzen, da sie durch entsprechende epigenetische Veränderungen, die rasch eintreten, besser an die veränderten Umweltbedingungen angepasst sind, während Gene Jahrtausende brauchen, um sich weiterzuentwickeln. Die Forschung in Bezug auf die Alzheimer-Krankheit und Demenz im Besonderen sowie andere altersbedingte degenerative Erkrankungen muss dieser Gesetzmässigkeit begegnen. Dafür muss sie einem fundamentalen Gesetz der sexuellen Fortpflanzung entgegenwirken, weshalb wir uns noch auf viele Enttäuschungen einstellen sollten, bevor wir uns dem heiligen Gral nähern können. Möglicherweise werden uns künstliche Intelligenz und Big Data dabei helfen, man darf jedoch nie vergessen, dass weder ­Forscher noch Ökonomen oder Politiker die tatsächliche Zukunft kennen.

Überdies mangelt es an Wissenschaftlern, die keine wirtschaftlichen Interessen verfolgen, sich gegen die derzeit vorherrschende Denkweise positionieren und wie Cajal, Renzi, Einstein oder Dirac mit Intelligenz, Intuition und Bleistift revolutionäre Konzepte erdenken, für deren Beweis über Jahrzehnte hinweg Technologien entwickelt und Sackgassen beschritten werden müssen. Es ist an der Zeit, sich vom Narzissmus der wissenschaftlichen sozialen Netzwerke, dem Impact-Faktor von Fachzeitschriften und den Dividenden der Start-ups abzuwenden, um wieder zur konkreten und genialen Denkweise zurückzufinden, welche die Grundlage für Forschungsarbeiten und die Anwendung künstlicher Intelligenz bilden sollte. Wir bekommen Kinder, damit sie es besser machen als wir, und nicht, damit Generationen alter reicher Menschen 200 Jahre alt werden können, indem sie sich erlauben, die von ihren Nachkommen benötigten Ressourcen aufzubrauchen.

Der Autor hat keine finanziellen oder persönlichen Verbindungen ­im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

Kopfbild: © Raquel Camacho Gómez | Dreamstime.com

Prof. Dr. med.
Joseph-André Ghika
Hôpital du Valais
Service de Neurologie
Av. Gd-Champsec 80
CH-1950 Sion
joseph-andre.ghika[at]hopitalvs.ch

1 Rouaud O, Démonet JF. Die Alzheimer-Krankheit und verwandte Erkrankungen. Swiss Medical Forum. 2018;18(11):247–53.

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