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Jubliäumsschlaglicht: Public Health
«Gemeinsam stärker – Swiss School of Public Health»

Ehrwürdige «Schools of Public Health» haben in den letzten 20 Jahren ihren 100. Geburtstag gefeiert. In der Schweiz überraschte die Pandemie einen Teenager – ein innovatives Modell feiert in diesem Jahr den 16. Geburtstag. Erwachsen geworden?

Hintergrund

Die Pandemie hat gezeigt, dass «Public Health» all das umfasst, was Acheson in der WHO Definition von 1988 [1] festhielt: «Public Health ist die Wissenschaft und die Praxis der Verhinderung von Krankheiten, Verlängerung des Lebens und Förderung der Gesundheit durch organisierte Anstrengungen der Gesellschaft». Nun erleben wir hautnah die Herausforderung evidenzbasierter «organisierter Anstrengungen der Gesellschaft». Kooperation über die Grenzen der Wissenschaftsbereiche hinweg ist für den Erfolg in Public Health massgebend – nicht nur während einer Pandemie. Übergewicht, Raucherkrankheiten oder Epidemien, die sich als Folge sozialer ­Ungleichheit, Armut oder Unterdrückung ergeben, er­fordern seitens der Hochschulen multidisziplinäre akademische Strukturen – «Schools of Public Health» (SPH). Die Schweizer Hochschullandschaft ging einen eigenen Weg [2].

Swiss School of Public Health

In der Schweiz gibt sich dieser Wissenschaftsbereich erst im 21. Jahrhundert eine strukturelle Form. Warum gründete keine Schweizer Hochschule eine Fakultät oder «School of Public Health»? Ein Blick über die Grenzen lässt erahnen, was einem kleinen föderalistischen Land fehlt: die kritische Masse. In den USA kommt auf 5–10 Mio. Einwohner eine SPH. Die Grösste – Johns Hopkins Bloomberg SPH – kümmert sich um 3000 Public Health-Studierende dank 837 Fakultätsmitglieder! Die 970 Studierenden der Harvard TH Chan SPH werden von 460 Fakultätsmitgliedern betreut. Auch U.C. Berkeley oder U.C. Los Angeles listen 200–300 Fakultätsmitglieder, und diesseits des Atlantiks spielen die Grossen in der gleichen Liga.

Die Gründergeneration der damals sechs Universitäten der «Swiss School of Public Health» (SSPH+) hat im Jahr 2005 die Vision der «Grösse» durch Kollaboration ins Zentrum gerückt – hinweg über Hochschulmauern, Fakultäten, Departemente und Institute [3]. Als Organisationsform für die «virtuelle Fakultät» bot sich die Stiftung an. Jede Partnerhochschule ist mit zwei Mitgliedern im Stiftungsrat vertreten. Meist werden eine Vertretung aus der Rektoratsstufe sowie ein SSPH+ Fakultätsmitglied in dieses strategische Aufsichtsorgan gewählt. Hochschulen von swissuniversities können ihr beitreten, falls sie über Public Health-orientierte Professuren verfügen, die der SSPH+-Fakultät zugehören wollen. Die derzeit über 260 Professuren, die in über 40 Wissenschaftsdisziplinen und an mehr als 25 Instituten tätig sind, bilden die interuniversitäre Fakultät. Als visionäres «Netzwerk ohne Campus» schafft die Willensgemeinschaft SSPH+ Mehrwert durch interuniversitäre Kollaboration in Forschung, Lehre und Dienstleistung.

Bis 2017 wurde die SSPH+ mit jährlich ungefähr 2 Mio. CHF Bundesmitteln finanziert. Diese Mittel erlaubten es, das Fach durch die Schaffung von 14 Assistenzprofessuren an den damals sechs Universitäten nachhaltig zu stärken. Gemäss Konzept 2018-22 sind die Trägerhochschulen der SSPH+ für die Kernfinanzierung (1 Mio. CHF pro Jahr) verantwortlich. Damit werden Direktion und Kernaktivitäten finanziert. Die Einwerbung von Drittmitteln zu Gunsten der Partnerinstitutionen hat im Jahr 2020 mit rund 7 Mio. CHF einen auch durch die Pandemie bedingten Höhepunkt erreicht.

Gemeinsame Lehre: Doktoratsausbildung in Public Health

Seit 2007 hat die SSPH+ das Engagement auf Doktoratsstufe stetig ausgebaut. In den letzten Jahren stiegen diese Investitionen von anfänglich 5% auf derweil 15% des SSPH+ Kernbudgets. So entstand das Flaggschiff der diversen interuniversitären Lehraktivitäten der SSPH+ Fakultätsmitglieder: der «SSPH+ Inter-university Graduate Campus» (IGC). Er bietet fast 400 PhD-Studierenden der SSPH+ Fakultät ein qualitativ hochstehendes, national abgestütztes Kursangebot in relevanten Public Health-Wissenschaften an (siehe Abb. 1). Den PhD-Studierenden aus aller Welt bietet IGC auch einen Einblick in die Schweizer Public Health-Forschungslandschaft.

Abbildung 1: Entwicklung der Anzahl Doktorierenden im strukturierten SSPH+ PhD Programm (2007–19) und dem nachfolgend lancierten SSPH+ Inter-university Graduate Campus (IGC). Dank IGC kann das erfolgreiche interuniversitäre Kurs- und Networking-Angebot erhalten werden, obwohl swissuniversities die Finanzierung interuniversitärer Doktoratsprogramme beendete. Alle von SSPH+ Fakultätsmitgliedern betreuten und an einer SSPH+ Partneruniversität immatrikulierten Doktorierenden können sich kostenlos im IGC registrieren.

Unterstützung der Forschung vor und in der Pandemie

Die Pandemie liefert einen markanten Beleg für die Bedeutung der national organisierten SSPH+. Das national abgestützte Forschungsprogramm «Corona Immunitas» konnte dank der bestehenden SSPH+ Strukturen in Kürze eine nationale Kooperation von über 40 Studien zur Immunitätsentwicklung in der Schweiz etablieren [4]. Mit über 50 000 Teilnehmenden deckt «Corona Immunitas» repräsentative Bevölkerungsstichproben und gezielte Risikogruppen ab. Die SSPH+ sorgte für die Finanzierung, Administration und Koordination. Die gesamte Projektarbeit und Forschung stand unter der Leitung des multizentrischen wissenschaftlichen Leitungsgremiums und ihren Instituten. Die Public-Private Partnership hat sich dank der raschen Startfinanzierung durch den Bund sehr bewährt.

Die SSPH+ unterstützt derzeit Doktorate – der Pfeiler der Forschung – an den Partnerinstitutionen mit 50 PhD-Stipendien, die von der E.U. teilfinanziert werden (PhD Fellowship Program GlobalP3HS).

Wie andere SPHs ist auch die SSPH+ Besitzerin zweier anerkannter wissenschaftlicher Zeitschriften. Das International Journal of Public Health(IJPH)hält mit seiner globalen Ausstrahlung, was sein Name verspricht. Seine hundertjährige Schweizer Geschichte geht auf die spanische Grippe zurück. Nicht nur der Name hat sich seither geändert. Seit 2021 erscheint die vollständig selbsttragende IJPH online, Open Access. Erzielte Gewinne erlaubten 2020 die Übernahme der einzigen Public Health-Zeitschrift in Europa mit Fokus auf Übersichtsarbeiten: Public Health Reviews. Gewinne aus den Zeitschriften kommen vollumfänglich den Zeitschriften und der SSPH+ zugute. Dank einem dreijährigen Unterstützungsprojekt von swissuniversities können Beiträgen aus einkommensschwachen Ländern die Publikationsgebühren (APC) erlassen werden.

Wissenschaft für Praxis und Politik

Ob sich das Engagement der SSPH+ für ein griffiges, wissenschaftsbasiertes Tabakproduktegesetz auszahlt, bleibt weiterhin offen. Der Protest der SSPH+ gegen den Plan, Philipp Morris als Sponsor des Schweizer Pavillon [5] an der im Oktober 2021 eröffneten World Expo in Dubai zuzulassen, bewirkte, dass die SSPH+ eingeladen wurde, anfangs 2022 als Gast im Schweizer Pavillon die Gesundheit in allen Nachhaltigkeitszielen (SDGs) der U.N. zu thematisieren. Die weitgehend virtuellen Auftritte werden vor allem im Rahmen studentischer Weiterbildungsprojekte von Doktorierenden und Studierenden des SUPSI Master of Arts in «Interaction Design» und des Bachelors der Accademia Teatro Dimitri durchgeführt – ein bisher einzigartiges, multidisziplinäres SSPH+ Trainingsprogramm, dessen Produkte auch weit über die Expo hinaus genutzt werden können.

Entwicklung als Chance

Die Pandemie hat den Nutzen einer nationalen akademischen Public Health-Struktur deutlicher gemacht. Die Pandemie-Zusammenarbeit mit Behörden wird sich auch auf andere grosse Public Health-Herausforderungen ausdehnen lassen. Die SSPH+ Covid-19 Plattform gibt Behörden niederschwellig und zeitnah Zugang zum SSPH+ Kompetenz-Netzwerk; dies lässt sich auf alle in der SSPH+ vereinten Public Health-Expertisen ausweiten. Mit «Corona Immunitas» wurde die Schlagkraft multizentrischer Gesundheitsforschung bewiesen. Diese Erfahrung ist für die geplante bevölkerungsbasierte Schweizer «Citizen Cohort» von Bedeutung [6]. In der SSPH+ Strategie 2023–27 soll der Kommunikation der Public Health-Wissenschaften ein grösserer Raum gegeben werden.

Das Wachstum der SSPH+ Fakultät und die mit der Pandemie gestiegene Nachfrage nach wissenschaftlicher Public Health-Expertise fordert die Organisationsform der SSPH+ heraus. Zentral für die zukünftige Entwicklung bleibt aber die Überzeugung der «Willensgemeinschaft SSPH+», dass das «Wir» der SSPH+ Fakultät einen Mehrwert darstellt, den kein Institut allein schaffen kann.

Die Autoren haben keine finanziellen oder persönlichen Verbindungen im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

Kopfbild: © Sumie Nomoto | Dreamstime.com

Korrespondenz:
Prof. Dr. med.
Nino Künzli, PhD
Direktor SSPH+
Hirschengraben 82
CH-8001 Zürich
Nkuenzli[at]ssphplus.ch

1 Acheson, ED: On the state of the public health [the fourth Duncan lecture]. Public Health. 1988;102(5):431–7.
2 Maurice J. Profile: Swiss School of Public Health, Zurich, Switzerland. Lancet. 2017;389(10065):144. doi: 10.1016/S0140-6736(17)30080-6. PMID: 28102131.
3 Rapport annuel de la SSPH+, 2015; https://ssphplus.ch/en/reports-documents/annual-reports/
4 West EA, Anker D, Amati R et al. Corona Immunitas: study protocol of a nationwide program of SARS-CoV-2 seroprevalence and seroepidemiologic studies in Switzerland. Int J Public Health 65, 1529–1548. 2020; https://doi.org/10.1007/s00038-020-01494-0.
5 Künzli N, Puhan MA, Suggs LS. Will the Swiss pavilion at Expo 2020 Dubai damage your health? Int J Public Health. 2019;64:1125–6. https://doi.org/10.1007/s00038-019-01286-1.
6 Probst-Hensch N et al. The rationale for a Swiss Citizen Study and Biobank. Swiss Med Wkly Ops. 2018; https://smw.ch/op-eds?tx_swablog_postdetail%5Bpost%5D=72.

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