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20 Jahre Swiss Medical Forum
«Bescheidener Stolz auf medizinischen Fortschritt »

Der medizinische Fortschritt ist grundsätzlich kleinschrittig. Es vergehen Monate bis Jahre, bis er die zahlreichen Hürden gemeistert hat und als anerkannter Fortschritt im Alltag eingesetzt wird. Diese – wohl ­berechtigte – Zeitlupe führt dazu, dass wir den Fortschritt im Klinikalltag kaum wahrnehmen. Es ist ­deshalb ein Privileg, zur Feier von 20 Jahre Swiss Medical Forum die Rückblicke auf die unglaublichen Neuentwicklungen von namhaften Fachvertreterinnen und -vertretern lesen zu dürfen und mit bescheidenem Stolz zu geniessen. Sie werden sehen, die in diesem Heft präsentierten Schlaglichter könnten dabei unterschiedlicher nicht sein.

Der Beitrag von Alexander Navariniund Stephan Lautenschlager macht klar: Die Dermatologie ist so spannend wie noch nie. Nebst Messer gehören heute auch Kältesonden, Laser und Bestrahlung zum Alltags-Werkzeug. Die Disziplin geht unter die Haut: sie ist – vor ­allem bei entzündlichen Prozessen – eng verknüpft mit Gefässen und Gelenken. Dies gilt insbesondere auch für die Psoriasis, die dank Biologika revolutionäre Therapieerfolge erlebt. Noch ein Umbruch: die visuelle ­Interpretation der Haut wird abgelöst durch die Intelligenz des Computers, der inzwischen die grösste Erfahrung besitzt. Und übrigens: wussten Sie, dass ­Gonokokken durch Küssen übertragen werden?

Im Beitrag zur Kardiologie zeigt Thomas Lüscher auf, dass die modernen Gen-Techniken auf dem Gebiet der Lipidstoffwechselstörungen und der genetischen Herzerkrankungen bereits Fuss gefasst haben. Gezielte ­Blockade der RNS, Modifikation von epigenetischen Kon­stellationen und der Einsatz der Genschere gehören zu diesen Fortschritten, deren Zielsicherheit und lange Wirksamkeit uns verblüffen. Er verheimlicht aber nicht, dass Sicherheit und Organspezifität noch grosse Herausforderungen für den klinischen Einsatz bedeuten. Es wird uns dabei auch klar, dass wir Begriffe wie «Antisens-Oligonukleotide», «RNS-Interferenz», «Epigenetik» und «CRISPER/Cas» verstehen und in ­unser Vokabular aufnehmen sollten…

Die Entwicklungen der Herzchirurgie der letzten 20 Jahre sind geprägt von weniger invasiven Eingriffen. Exempel dazu ist der katheterbasierte Aortenklappenersatz (TAVI). Christoph Huber und Peter Matt ­zeigen auf, wie die TAVI kardiologisches und herzchirurgisches Fachpersonal nicht entzweit, sondern einander nähergebracht haben und in «Heart Teams» das optimale Vorgehen bei einer Aortenstenose besprochen wird. Dies gilt auch für die sekundäre Mitralklappeninsuffizenz, bei der die Absprache im Team über Klappenreparatur oder Mitraclip besonders wichtig ist. Die beiden Autoren machen uns auf andere, wenig beachtete Verbesserungen aufmerksam. Mitralklappen werden mit neuen Sehnenfäden rekonstruiert, die Zugangsschnitte zum Herzen werden immer kleiner, und bei aortokoronaren Bypass-Operationen werden arterielle Grafts nicht nur aus der Brustwand, sondern auch aus dem Arm verwendet.

Über den letzten Beitrag werden Sie staunen: Daniel Liedtke, Willy Oggier, Reto Stocker und Stephan Pahls berichten über die Entwicklungen der privaten Spitalmedizin. Die Kluft zwischen «privat» und «öffentlich» ist in den letzten 20 Jahren durch konvergente Entwicklungen kleiner geworden. Ähnlich wie öffentliche Spitäler sind Privatspitäler chefärztlich organisiert, behandeln Patientinnen und Patienten aller Versicherungsklassen und investieren in Weiterbildung und Forschung. Zahl­reiche Privatspitäler sind für gewisse Regionen versorgungsrelevant, weil sie Notfallstationen betreiben und auch hochspezialisierte Medizin beherrschen. Bitte prüfen Sie selbst, ob Sie das Argumentarium der vier Autoren überzeugt.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen. Nehmen Sie sich doch die Zeit dazu!

Kopfbild: © Raquel Camacho Gómez | Dreamstime.com

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