access_time veröffentlicht 16.07.2019

Kurz und bündig Heft 31/32, Teil 1

Prof. Dr. med. Reto Krapf

Kurz und bündig Heft 31/32, Teil 1

16.07.2019

Hier finden Sie die neuesten "Kurz und bündig"-Beiträge online.

Fokus auf … 

Anabole androgene Steroide

  • Gebrauch bei Kraftsportlern, Body-Buildern, als Doping im professionellen Sport
  • Zunehmend häufig bei sportlich nicht speziell aktiven Männern, die muskulöser (jung bis mittelalterlich) erscheinen oder sich stärker fühlen (ab ca. 50 Jahren) wollen (oft sehr hohe Dosen)
  • Nebenwirkungen: tiefes HDL, Hepatotoxizität (Peliosis, Tumoren, Cholestase, gilt nicht für Testosteron), Infertilität, Hodenschrumpfung (Spermiogenese gehemmt), Östradiolmangel (bei synthetischen Anabolika: verminderte Libido/ erektile Funktion, Osteoporose), Polyglobulie
  • Hohe assoziierte Prävalenz von Nikotin-, Cannabis- und Alkoholabusus, anderer Drogen und «Nutrizeutika» (oft ungenügend kontrolliert)
  • Nach Gebrauch von >1 Jahr langdauernde Suppression der Gonadotropin-Testosteron-Achse
  • Häufigste Manifestation: Infertilität bei auffallend muskulösem Mann

Tabelle: Typische endokrinologische Konstellation bei anabolen, androgenen Steroiden.

Medikamente

Testosteron

luteotropes Hormon (LH)

follikelstimulierendees Hormon (FSH)

Endogene Anabolika (Testosteron, ­Dihydrotestosteron, Nandrolon)

Hoch

Tief

Tief

Synthetische anabole Steroide*

Tief

Tief

Tief

* Labormässig nicht bestimmbar ausser in Doping-Labors 

JCEM 2019, doi:10.1210/jc.2018-01882

Verfasst am 25.06.2019.

© Andor Bujdoso | Dreamstime.com

 

Praxisrelevant

Noch kein weibliches Äquivalent für die blaue Pille

Kurz und bündig waren wir überrascht, nachträglich zu erfahren, dass die «Food and Drug Administration» (FDA) 2016 eine Initiative lanciert hatte, die Medikamentenentwickler eine Behandlungsoption für eingeschränkte sexuelle Lust bei Frauen* erleichtert erforschen lassen sollte.

Nun ist eines der Resultate schon da: ein subkutan 45 Minuten vor geplanter sexueller Aktivität zu injizierender Aktivator der Melanocortin-Rezeptoren. Auf einer Skala von 1 bis 6 stieg bei 25% der Frauen die sexuelle Lust von tiefen 1,2 auf 2,4. Der Plazeboeffekt war (wohl zu erwarten) eindrücklich: 17% verspürten den gleichen Effekt (d.h. Anstieg des Verlangens). Nausea war bei 40% der Initialanwendungen die Hauptnebenwirkung. Der Aktivator ist von der FDA nun zugelassen (Vyleesi®). Laut Zulassungsbestimmungen darf das Medikament maximal achtmal pro Monat angewendet werden.

Vor allem aber die Applikationsumstände, die limitierte Zahl von «responders» und der grosse Plazeboeffekt dürften zumindest teilweise verkaufshemmend sein.

* Die FDA reiht diese Störung unter die 20 wichtigsten Gesundheitsprobleme ein.

https://www.fda.gov/news-events/press-announcements/fda-approves-new-treatment-hypoactive-sexual-desire-disorder-premenopausal-women

Verfasst am 24.06.2019.

© Kjrstudio | Dreamstime.com

Praxisrelevant

Ein wichtiger Schritt in der Prävention des Diabetes mellitus Typ 1

Der Diabetes mellitus Typ 1 (T1DM) wird gemäss ­heutigem Verständnis ausgelöst durch einen Umweltfaktor auf der Basis der geeigneten Gen-(HLA)-Kon­stellation. Pathophysiologisch ist eine Destruktion der Beta-Zellen durch CD-8-Lymphozyten zentral, die durch ein CD3 genanntes Oberflächenmolekül aktiviert werden. Hemmende Anti-CD3-Antikörper konnten die weitere Destruktion der Beta-Zellen bei Patient(inn)en mit T1DM verlangsamen, den Diabetes aber auch nicht entscheidend bremsen.

Eine kleine Studie behandelte nun doppelblind und plazebokon­trolliert nicht-diabetische Angehörige (n = 76, zu ¾ ­unter 18 Jahren) von Patient(inn)en mit T1DM mit ­einem solchen Anti-CD3-Antikörper (Teplizumab). Die Proband(inn)en wiesen ein hohes Risiko (mindestens zwei Diabetes-assoziierte Auto-Antikörper und pathologische orale Glukosetoleranz) auf, selber ­einen T1DM zu entwickeln. Unter dem Anti-CD3-Antikörper trat der Diabetes mellitus etwa zwei Jahre später auf (p <0,006). Lymphopenien und Hautausschläge waren die wichtigsten, aus anderen Studien bekannten ­Nebenwirkungen.

Die Diabetolog(inn)en sind auf dem richtigen Weg!

N Engl J Med. 2019, doi:10.1056/NEJMoa1902226

Verfasst am 01.07.2019.

© Jarun011 | Dreamstime.com

Neues aus der Biologie

L-DOPA Resistenz beim Morbus Parkinson

Beim M. Parkinson spielt die progrediente Depletion an Dopamin eine wichtige Rolle. Weil Dopamin die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren kann, wird L-DOPA verwendet, das im Gehirn zu Dopamin decarboxyliert wird. Vor der Passage der Blut-Hirn-Schranke wird dies mit einem nur ausserhalb des Zentralnervensystems zirkulierenden Decarboxylase-Inhibitor (Carbidopa) verhindert. Vertreter des intestinalen Mikrobioms (namentlich Enterococcus faecalis, siehe Abbildung, aber auch Lactobazillen) können L-DOPA offensichtlich im Darmlumen zu Dopamin decarboxylieren (Tyrosin-Decarboxylase, der Decarboxylase-Inhibitor ist dabei unwirksam). Andere Bakterien können Dopamin dann zu Tyramin dehydroxylieren.

Es ist somit möglich, dass die interindividuellen Schwankungen des Ansprechens auf das L-DOPA einer Mikrobiom-induzierten Modulation des präsystemischen L-DOPA-Stoffwechsels entsprechen. Bei L-DOPA-Resistenz könnte man den Stuhl auf Enterokokken, die das verantwortliche Gen (Tyrosin-Decarboxylase) exprimieren, testen. Interessant auch, dass es ein oral zuführbares Molekül gibt, das dieses Genprodukt signifikant hemmt (S-alpha-Fluoromethyltyrosin [1]), und potentiell das Ansprechen auf L-DOPA wiederherstellen könnte. Ist nicht der Dünndarm (= Resorptionsort des L-DOPA) normalerweise steril, die Befunde der Studie also irrelevant?

Parkinson-assoziierte gastrointestinale Sym­ptome wie verlängerte Transitzeit, verzögerte Magenentleerung, Obstipation und andere mehr können, wie schon länger bekannt [2], direkt und mittelbar zu einer bakteriellen Überwachsung führen. Es ist demnach sogar denkbar, dass das Nachlassen der L-DOPA-Wirkung im Verlauf der Therapie Folge dieser pathophysiologischen Sequenz ist.

Ob das synthetisierte Tyramin ein Tyramin-Syndrom (u.a. Blutdruckerhöhungen) induzieren kann wie gewisse Käsesorten, ist unbekannt, Hypertonien aber bei behandelten Patient(inn)en mit M. Parkinson alles andere als selten.

Abbildung: Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme («scanning electron microscope» [SEM]) von Enterococcus faecalis (© CDC/ Pete Wardell).

1 Science. 2019, doi:10.1126/science.aau6323

2 Nature. 1971, doi:10.1038/229414a0

Verfasst am 01.07.2019.

Für Ärztinnen und Ärzte am Spital

Wie lange die Thrombozyten doppelt hemmen nach Stent-Einlage?

Die Kombination eines Cyclooxygenase-Hemmers (Acetylsalicylsäure) mit einem P2Y-Rezeptorhemmer (Clopidogrel et al.) wird als duale Thrombozytenhemmung bezeichnet und ist Standard nach perkutanen koronaren Interventionen und von Implantationen Medikamente freisetzender Stents neuerer Generation. Sie wird während ≥12 Monaten empfohlen [1].

Eine Synthese aus verschiedenen klinischen Studien findet nun aber, dass eine Dauer von lediglich sechs Monaten eine ähnliche Wirksamkeit, aber weniger (auch ernsthafter) Blutungsnebenwirkungen aufweist als längere (12 Monate) Therapien. Bei noch längeren Therapien (>18 Monate) war dann sogar die Gesamtmortalität erhöht.

In der Regel kann man nun also eine deutliche Verkürzung der dualen Plättchenhemmung ins Auge fassen, ausser klinische und technische Gründe würden für ein individuell erhöhtes Ischämierisiko sprechen [2].

Eine kürzere Doppeltherapie erhält auch durch eine japanische Studie Unterstützung: Bei knapp 3000 Patient(inn)en war das Absetzen von Aspirin® (unter Fortführung des P2Y-Rezeptorantagonisten) nach einem Monat in Bezug auf kardiovaskuläre Ereignisse und Verhinderung von Blutungen sogar besser als die 12-monatige Therapie [3].

1 Nat Rev Cardiol. 2016, doi:10.1038/nrcardio.2015.113

2 BMJ. 2019, doi:10.1136/bmj.l2222

3 JAMA. 2019, doi:10.1001/jama.2019.8145

Verfasst am 01.07.2019.

© Arne9001 - Dreamstime.com

 

Immer noch lesenswert

Mechanismen der Akklimatisierung an ­Hitzeperioden

Im Rahmen eines 14-tägigen (!) Experimentes wurde bei fünf jungen, gesunden Männern in metabolischen Kammern untersucht, welches die Effekte des Aufenthaltes und der Arbeit bei etwa 45 °C (12 Stunden) über den Tag und etwa 37 °C in der Nacht waren.

Alle Probanden steigerten in diesen etwas heroischen Experimenten ihre Belastungs- und Arbeitskapazität innerhalb ­einer Woche, danach war keine zusätzliche Adaptation zu beobachten. Die Nieren retinierten mehr Natrium und Chlorid als zur Kompensation der schweissbedingten Verluste nötig gewesen wäre.

Als Folge konstatierten die Forscher – kontraintuitiv – eine Expansion des Plasma- und des interstitiellen Volumens, wohl als Reserve für noch unwirtlichere Umweltbedingungen.

Medicine (Baltimore) 1955, doi:10.1097/00005792-195509000-00002

Verfasst am 01.07 2019 (bei 34 °C im Schatten).

© Andrii Zorii | Dreamstime.com

 

Prof. Dr. med. Reto Krapf

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