access_time veröffentlicht 24.07.2019

Kurz und bündig Heft 31/32, Teil 2

Prof. Dr. med. Reto Krapf

Kurz und bündig Heft 31/32, Teil 2

24.07.2019

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Das hat uns nachdenklich gestimmt

Prävention sexueller Belästigungen am ­Arbeitsplatz

Es gibt viele Spitäler und auch Firmen, die Schulungen zur Prävention sexueller Belästigungen durchführen. Sind sie auch wirksam und haben sie allenfalls Nebenwirkungen? In Programmen in Israel, die sich praktisch ausschliesslich mit dem Phänomen sexueller Belästigung von Frauen beschäftigen, sind diejenigen Programme, welche die Vorgesetzten darin bestärken, Alliierte oder Helfer für die betroffenen Frauen zu sein, erfolgreicher und führen zu einem höheren Frauenanteil in den höheren Hierarchiestufen.

Programme andererseits, welche die zu schulenden Teilnehmer auch als potenziell einmal zu Verdächtigende (indirekt Täter) darstellen und de facto jedem Mann dieses Potenzial zutrauen, weisen als Nebenwirkung ein Absinken des Frauenanteils als Vorgesetzte auf. Frauen nehmen Klagen über sexuelle Belästigung ernster und sind eher bereit, sich auf diesem Gebiet der betrieblichen Prävention schulen zu lassen. Unerfreulicherweise wird in Firmen mit einem höheren Frauenanteil auf Vorgesetztenstufe (und grösserer Wahrscheinlichkeit, im Fall einer Belästigung auch zu handeln) diese Gruppe als Bedrohung angesehen.

Die Studie leidet – wie andere auf diesem Gebiet – an der Konzentration auf eines der Geschlechter und an der Definition von Belästigung durch die betroffenen Frauen (welche ­einer enormen Variation von Land zu Land und einem Wandel über die Zeit unterliegt).

Proc Natl Acad Sci USA. 2019, doi:10.1073/pnas.1818477116

Verfasst am 02.07.2019.

© Monkey Business Images | Dreamstime.com

 

Das hat uns weniger gefreut

Eine Sommergeschichte

Der 2016 durch Suizid verstorbene Yoshihiro Sato hatte einen traurigen Rekord zu verbuchen: In seinem Leben als Knochenforscher hat er die bislang grösste Zahl gefälschter Manuskripte über einen Zeitraum von mehreren Dekaden publiziert (60 zurückgezogene Manuskripte). Die gefälschten Resultate waren toxisch in dem Sinne, dass sie nachweislich Richtlinien und Behandlungsmethoden einer Vielzahl von Patient(inn)en falsch beeinflussten.

Bei Verdacht auf Fälschung wird in der Regel die Institution des Forschers mit einer Untersuchung beauftragt. Eine aktuelle Studie findet nun aber, dass diese Heiminstitutionen dabei keine sehr gute Aufarbeitung machen [1], und empfiehlt die Anwendung an sich bereits publizierter Kriterien [2]. In Bestätigung dieser Studie suchte Nature [3] bei den Institutionen von Sato nach Auskunft über die durchgeführten Untersuchungen. Eine Universität antwortete gar nicht, eine zweite sah sich ausserstande, fast die Hälfte der inkriminierten Manuskripte noch zu untersuchen (z.B. wegen fehlender Forschungsprotokolle).

1 Res Integr Peer Rev. 2019, doi:10.1186/s41073-019-0062-x

2 JAMA. 2018, doi:10.1001/jama.2018.0358

3 Nature. 2019, doi: 10.1038/d41586-019-01884-2

Verfasst am 20.06.2019.

© Samorn Tarapan | Dreamstime.com

Aus teilweise Schweizer Feder

Prävention der Lungenfibrose bei Sklerodermie

Ein sogenannter Tyrosinkinasehemmer, Nintedanib, hat antientzündliche und antifibrosierende Eigenschaften und ist in der Behandlung der idiopathischen Lungenfibrose wirksam und zugelassen. Die interstitielle Lungenerkrankung bei der systemischen Sklerose ist mit hoher Beeinträchtigung von Leistungsfähigkeit und Lebensqualität assoziiert und eine häufige Todesursache bei dieser Grunderkrankung. Nintedanib im Vergleich zu Plazebo (je 288 Patient[inn]en in jeder Gruppe) vermochte über 52 Wochen den Abfall der Vitalkapazität von 95 ml auf 51 ml pro Jahr knapp signifikant (p = 0,04) zu verlangsamen.

Die anderen Sklerodermiemanifestationen wurden durch die Substanz nicht signifikant beeinflusst. Eine positive Studie, die noch durch Langzeitdaten bestätigt werden muss.

N Engl J Med. 2019, doi:10.1056/NEJMoa1903076

Verfasst am 27.06.2019.

© Albund | Dreamstime.com

 

Aus teilweise Schweizer Feder

Verfeinerte Diagnose und Vorhersage von Myokardinfarkten

In dieser multizentrisch-multinationalen Studie betrug die Prävalenz von Myokardinfarkten bei Pa­tient(inn)en ( n = 22 651), die wegen entsprechendem klinischen Verdacht auf eine Notfallstation eingewiesen wurden, gut 15%. Eine Konzentration des hochsensitiven Troponin I von <6 ng/ml und ein absoluter Anstieg von <4 ng/ml in der Zweituntersuchung (nach 45 bis 120 Minuten) schloss einen Myokardinfarkt effektiv aus (negativer prädiktiver Wert von 99,5%).

Ebenso ist bei diesen Werten ein Infarkt oder ein Todesfall innerhalb der folgenden 30 Tage unwahrscheinlich (0,2%).

N Engl J Med. 2019, doi:10.1056/NEJMoa1803377

Verfasst am 27.06.2019.

© Angellodeco | Dreamstime.com

 

Auch noch aufgefallen

Adipositas-Chirurgie: Osteoporose und gestörte Knochenmineralisation

Ein Mausmodell (Schlauchmagenoperation) dupliziert die humane Beobachtung der komplexen Folgen der bariatrischen Chirurgie auf die Integrität der Knochen. Dabei treten ein Knochenvolumenverlust (Osteoporose) und eine Mineralisierungsstörung (osteomalazische Komponente) auf. Erhöhte Spiegel und Aktivität des granulozytären Wachstumsfaktors (G-CSF) sind dafür zu einem grossen Teil verantwortlich (siehe Abbildung 1E aus dieser Arbeit). Die Gründe für die erhöhte G-CSF-Aktivität sind noch unbekannt.

Abb.:Knochenschnitte aus der murinen proximalen (oben) und distalen (unten) Tibia nach einem Scheineingriff (links) und nach Schlauchmagenoperation («vertical sleeve gastrectomy» [VSG], rechts). Das verminderte Knochenvolumen und – entsprechend der G-CSF-Wirkung – die stimulierte Myelopoese sind evident. G-CSF reduziert auch die Knochenmarkadipozyten (siehe Unterschiede in den Fettzellen), welche eine wichtige anabole Rolle in der Regulation der Osteoblasten haben. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung aus: Li Z, Hardij J, Evers SS, Hutch CR, Choi SM, Shao Y, et al. G-CSF partially mediates effects of sleeve gastrectomy on the bone marrow niche. J Clin Invest. 2019;130:2404–16. Copyright © 2019 American Society for Clinical Investigation.

J Clin Invest. 2019, doi:10.1172/JCI126173

Verfasst am 29.06.2019.

 

Auch noch aufgefallen

Psychosen und ADHS: Entwarnung?

Gibt es vermehrt Psychosen durch die respektive unter medikamentöse(r) Behandlung des Syndroms des Aufmerksamkeitsdefizites beziehungsweise Hyperaktivitätsstörung (ADHS)?

Nein, laut Daten des nationalen schwedischen Registers. Von fast 24 000 Schwed(inn)en im Alter zwischen 12 und 30 Jahren waren Erhebungen zugänglich 12 Wochen vor und 12 Wochen nach Beginn einer Therapie mit Methylphenidat (Ritalin®). Zusätzlich wurde die Häufigkeit einer Psychosediagnose in den 12 Wochen vor Therapiebeginn mit einer 12-Wochen-Periode ein Jahr danach verglichen. Das mittlere Alter bei Therapiebeginn betrug 17 Jahre, bei 2% war zumindest einmal eine psychotische Episode diagnostiziert worden. Die Diagnose einer Psychose wurde weder bei früher schon bekannten Psychoseepisoden noch bei deren Fehlen im Verlaufe der Therapie häufiger gestellt.

Lancet Psychiatry. 2019, doi:10.1016/S2215-0366(19)30189-0

Verfasst am 29.06.2019.

© Katarzyna Bialasiewicz | Dreamstime.com

 

Prof. Dr. med. Reto Krapf

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