access_time veröffentlicht 07.08.2019

Kurz und bündig Heft 33/34, Teil 2

Prof. Dr. med. Reto Krapf

Kurz und bündig Heft 33/34, Teil 2

07.08.2019

Hier finden Sie die neuesten "Kurz und bündig"-Beiträge online.

Das hat uns gefreut

Erkrankung mit Vorteilen

Die Narkolepsie ist zumindest teilweise eine hypo­thalamische Erkrankung mit Verlust von Zellen, die Neuropeptide sezernieren (Orexine A und B). Diese ­regulieren neben dem Essverhalten auch den Schlafrhythmus. Klinisch treten bei Narkolepsie exzessive Tages­schläfrigkeit, Kataplexien (affektiv ausgelöste, reversible Tonusverluste), Schlaflähmungen und meist visuelle Halluzinationen beim Einschlafen und Aufwachen (hypnagoge Halluzinationen) auf.

Die Tagesschläfrigkeit ist bemerkenswert: Die Patient(inn)en «fallen» mehrmals am Tag direkt vom Wachheitszustand in die sogenannte REM-Phase («sleep onset in ­rapid eye movement» [SOREM]). Die Traumaktivität findet bekanntermassen in den REM-Schlafphasen statt. Von den Träumen wird vermutet, dass sie zu Problemlösungen im Wachheitszustand beitragen. Es ist auch möglich, wenn auch nur anekdotisch belegt, dass die Lösungen im Traum selber (luzides Träumen) realisiert werden.

Unter der Hypothese, dass der REM-Schlaf, respektive seine Traumwelt, eine fördernde Wirkung auf das kreative und innovative Denken im Wachheitszustand hat, wurden 185 Patient(inn)en mit Narkolepsie (krankheitsbedingt also mit viel häufigeren REM-Phasen) mit 126 gesunden Kontrollen verglichen. In drei von einander unabhängigen, inhaltlich sehr interessanten Testreihen für originelles, kreatives Denken schnitten die Patient(inn)en mit Narkolepsie zum Teil hochsignifikant besser ab. Kreativität (in Kunst, Wissenschaft u.a.m.) könnte also tatsächlich durch den REM-Schlaf mitbestimmt werden.

Brain 2019, doi.org/10.1093/brain/awz137

Verfasst am 09.07.2019.

© Seventyfourimages | Dreamstime.com

Das hat uns gefreut

Neue Glukokortikoidagonisten ohne Glukokorti­koidnebenwirkungen?

Seit mehr als 70 Jahren ist die antientzündliche Wirkung der Glukokortikoide bekannt, fast ebenso lang aber auch ihre Nebenwirkungen bei chronischem Gebrauch: Hautatrophie, Osteoporose, Leberverfettung, Typ-2-Diabetes und Wachstumslimitierung bei Kindern.

Die Gruppe des molekularbiologischen, fast 90-jährigen Altmeisters Pierre Chambon (Strassbourg) berichtet, die Wirkung von den Nebenwirkungen getrennt zu haben. Die antientzündlichen Effekte der Glukokortikoide werden durch Unterdrückung (indirekte Transrepression) des Glukokortikoidrezeptor-Gens, die beschriebenen Nebenwirkungen vorwiegend durch erhöhte Aktivität des Gens (Transaktivierung, siehe erklärenden Text im Anschluss) vermittelt. Durch molekulare Manipulation gelang es der Gruppe zum ersten Mal, zwei Glukokortikoidanaloga zu synthetisieren mit Fähigkeit zur indirekten Transrepression (also erhaltener antientzündlicher Wirkung). Gleichzeitig fehlt diesen Molekülen die Fähigkeit zur Transaktivierung. Im Mausmodell trat keine der klassischen Glukokortikoidnebenwirkungen unter Behandlung mit diesen Substanzen auf!

Proc Natl Acad Sci USA. 2019, doi.org/10.1073/pnas.1908264116

Verfasst am 10.07.2019.

© Wave Break Media Ltd | Dreamstime.com

Erklärung zu Transaktivierung und Transrepression

Nach Bindung durch Glukokortikoide (GK) an den Glukokorti­koidrezeptor (GR), kann der GK-GR-Komplex eine Interaktion mit der DNA eingehen und die Genexpression via erhöhte Transkription verstärken (Transaktivierung). Bei der direkten Transrepression bindet der Komplex an eine Antwortsequenz («response element») von umgekehrter Sequenz und hemmt die Genexpression. Bei der indirekten (englisch: «thethered») Transrepression interagiert und hemmt dadurch der GK-GR-Komplex einen Aktivator des Glukokortikoidgens, zum Beispiel den NF-kB/Aktivator­-Protein AP1, daher das Adjektiv «indirekt». Die drei verschiedenen Effekte auf die Genexpression werden durch jeweils andere molekulare Strukturen innerhalb des GK-GR-Komplexes vermittelt.

 

Das hat uns weniger gefreut

Enttäuschende Analgetikaalternative bei Knie-und Hüftgelenkarthrosen

Klassische Schmerzmittel, insbesondere auch nicht-steroidale Antirheumatika, bringen vielen Patient(inn)en mit Arthrosen grösserer Gelenke nur unbefriedigende Erleichterung. Der neurale Wachstumsfaktor («nerve growth factor» [NGF]) wird im subchondralen Knochengewebe arthritischer Gelenke exprimiert [1] und spielt eine bekannte Rolle bei der Schmerzexazerbation beispielsweise im Verlauf aktivierter («entzündeter») Arthrosen.

Die plazebokontrollierte Applikation (knapp 700 Patient[inn]en, 65% Frauen) eines monoklonalen Antikörpers (Tanezumab) gegen diesen Schmerzmediator führte zu einer statistisch signifikanten Schmerzreduktion und funktionellen Besserung, beide Effekte wurden aber als klinisch bescheiden angesehen [2]. In der Behandlungsgruppe gab es jedoch mehr Fälle einer raschen Arthroseprogredienz und mehr Prothesenimplantationen. Wirksamkeit und Sicherheit dieses Thera­pieansatzes bleiben daher unklar.

1 Rheumatology (Oxford). 2010, doi:10.1093/rheumatology/keq188

2 JAMA 2019, doi:10.1001/jama.2019.8044

Verfasst am 08.07.2019.

© Sebnem Ragiboglu | Dreamstime.com

Auch noch aufgefallen

HIV-Resistenz, aber trotzdem erhöhte Morta­lität?

Individuen mit Mutationen in einem der HIV-Rezeptorproteine (CCR5-delta32) sind relativ resistent gegen eine HIV-Infektion. Die künstlich mit der Genschere (CRISPR) induzierte Mutation an menschlichen Foeten betrifft ebenfalls das CCR5-delta32. Aufgrund der Online-Daten scheint diese Mutation* technisch aber nicht identisch mit der natürlichen Mutation, die ­vorwiegend in Skandinavien/England vorkommt.Eine Analyse von fast 410 000 Individuen in der «United Kingdom Biobank» findet, dass eine homozygote CCR5-delta32-Mutation die Gesamtmortalität der Träger(inn)en um 21% erhöht [1]!

Wie schon berichtet, scheint intaktes CCR5 gute, schlechte und unklare Botschaften zu bringen: Man lebt länger, ist aber HIV-anfällig. Auch hemmt CCR5 die neuronale Plastizität (Lernen!) und schränkt (im Gegensatz zur CCR5-delta32-Mutation!) die neurologische Erholung nach zerebrovaskulären Insulten und traumatischer Hirnschädigung ein [2].

* die Technik wurde in keinem biomedizinsichen Journal publiziert.

1 Nat Med. 2019, doi.org/10.1038/s41591-019-0459-6

2 Swiss Med Forum. 2019, doi.org/10.4414/smf.2019.08262

Verfasst am 07.07.2019.

ID 96528318 © Feng Yu | Dreamstime.com

 

Auch noch aufgefallen

Preis der Sesshaftigkeit

Auf dem Gebiet der heutigen Türkei fand vor 10 000 bis 11 000 Jahren der erste bekannte Wechsel vom Nomadentum (Jäger und Sammler) zur Sesshaftigkeit statt. Im Rahmen einer sogenannten bioarchäologischen Untersuchung in einer neolithischen Siedlung in Anatolien (Existenz zwischen 7100 bis 5950 Jahren vor Christus, siehe Abbildung) gibt es Anhaltspunkte für wichtige Veränderungen der Gesundheit und des Lebensstils der Bewohner.

Der Preis der Sesshaftigkeit ­gemäss dieser Studie war beträchtlich: vermehrte Krankheitsanfälligkeit (wohl Infektionskrankheiten), massive Umstellung der Ernährung (Getreide, kohlehydratreiche Ernährung), modern gesagt Dichtestress bei Leben auf engem Raum (wegen erhöhter Fertilität) und erhöhter «Stress» durch massive Mehrarbeit (Feldarbeit und Gemeindienste) u.a.m. Diese Veränderungen scheinen bei allen anderen Übergängen zur Sesshaftigkeit repliziert worden zu sein.

Proc Natl Acad Sci USA. 2019, doi.org/10.1073/pnas.1904345116

Verfasst am 10.07.2019.

© Firdes Sayilan | Dreamstime.com

 

Gut zu wissen

Albumin ist nicht gleich Albumin!

Die Albuminbestimmung im Blut erfolgt entweder durch einen chromogenen Assay (Bromokresolgrün oder -purpur) oder mit einem Immunassay. Während letzterer turbidometrisch die Albuminausfällung nach Antikörperbindung nachweist, bilden die Bromokresol-Chromogene mit Albumin bei tiefen pH-Werten in vitro einen mit einer quantifizierbaren Farbänderung verbundenen Komplex.

Beide Methoden haben eine hohe Sensitivität, Spezifität und Reproduzierbarkeit. Allerdings sind sie nicht direkt miteinander vergleichbar. Die Unterschiede waren so gross, dass klinisch relevante andere Diagnosen oder Einteilungskategorien (und damit Therapieindikationen) resultierten.

Also: Beim gleichen Patienten immer die gleiche Methode verwenden. Bei unerklärten Unterschieden nach den Messmethoden fragen!

Kidney Int. 2019, doi.org./10.1016/j.kint.2019.01.042

Verfasst am 09.07.2019.

© Chernetskaya | Dreamstime.com

 

Prof. Dr. med. Reto Krapf

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