access_time veröffentlicht 13.08.2019

Kurz und bündig Heft 35/36, Teil 1

Prof. Dr. med. Reto Krapf

Kurz und bündig Heft 35/36, Teil 1

13.08.2019

Hier finden Sie die neuesten "Kurz und bündig"-Beiträge online.

Fokus auf … Masern

  • Prodromalphase von 2–4 Tagen mit Fieber und (mind. 1 von 3) Husten, Rhinitis, Konjunktivitis.
  • Danach makulopapuläres, teilweise konfluierendes Exanthem im Kopf-/Gesichtsbereich beginnend.
  • Koplik-Flecken (weissliche Plaques in der Wangenschleimhaut, siehe Abbildung) pathognomonisch (in 70% vorkommend).
  • Infektiosität: 4 Tage vor bis 4 Tage nach Beginn des Exanthems. – Heilung: 7 Tage nach Auftreten des Exanthems.
  • Differentialdiagnose: Röteln, Herpesvirus 6, Parvovirus B19, Dengue.
  • Diagnose: RT-PCR der Masern-RNA (oder: Masern-IgM) im Serum/Nasopharyngealabstrich.
  • Behandlung: bei schweren Fällen Vitamin A (Dosis altersabhängig).
  • Postexpositionsprophylaxe aktiv (MMR-Impfung) oder passiv (Immunglobulin) möglich (Indikationen: siehe [2]) – Masernfälle sind innert 24 Stunden zu melden.

1 N Engl J Med. 2019, doi: 10.1056/NEJMcp1905181

2 Bundesamt für Gesundheit, Arbeitsgruppe Bekämpfung von Masernausbrüchen. Richtlinien zur Bekämpfung von Masern und Masernausbrüchen. Stand März 2019. www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/mt/i-und-b/richtlinien-empfehlungen/empfehlungen-risikogruppen-risikosituationen/masern-richtlinien-bekaempfung.pdf.download.pdf/masern-richtlinien-bekaempfung-de.pdf

Abbildung: Weissliche Plaques – sogenannte Koplik-Flecken – in der Wangenschleimhaut bei ­einem Patienten am 3. Tag der Masern-Infektion (© Centers for Disease Control and Prevention, 1963).

Verfasst am 24.07. 2019.

 

Praxisrelevant

Wann Statine bei >75-Jährigen?
Bei älteren Patient(inn)en verliert das Gesamtcholesterin seine Rolle als negativer kardiovaskulärer Prognosefaktor und Werte unter 5,5 mmol/l könnten sogar mit einer erhöhten Mortalität korrelieren [1].

Bei knapp 7300 Patient(inn)en wurde im Alter von 75 Jahren die präventive Wirkung einer neu begonnenen Statintherapie evaluiert. Nach einer medianen Nachbeobachtung von 4,7 Jahren führten Statine bei Patient(inn)en mit einem akuten Koronarsyndrom in der Vergangenheit (sog. Sekundärprophylaxe) und solchen mit einem modifizierbaren Risikofaktor (Diabetes, Einnahme kardiovaskulär wirkender Medikamente) zu einer signifikanten Abnahme koronarer Ereignisse und der Mortalität. Ohne kardiovaskuläre Vorgeschichte und Diabetes waren Statine diesbezüglich aber wirkungslos [2].

Die genaue Charakterisierung der Patient(inn)en in dieser Kohortenstudie ist den Leserinnen und Lesern nicht im Detail zugänglich. Trotzdem zeigt sich, dass Statine nur bei einer – weit gefassten – kardiovaskulären Risikosituation einen Nutzen bringen. Ihre Indikation auf Basis des Cholesterinwertes allein oder als breite Primärprophylaxe scheint ab 75 Jahren nicht auf genügend Evidenz zu beruhen.

1 Age Ageing 2010, doi.org/10.1093/ageing/afq129

2 Am J Med. 2019, doi.org/10.1016/j.amjmed.2018.12.032

Verfasst am 22.07.2019.

© Rogerashford | Dreamstime.com

 

Praxisrelevant

Ein Anästhetikum auf dem Weg zum ­Antidepressivum

Ketamin ist ein intravenös appliziertes, traditionelles Analgetikum und Anästhetikum und neu auch Anti­depressivum. Es bindet im Gehirn als sogenannter ­glutaminerger Antagonist an den N-methyl-D-Aspartat(NMDA)-Rezeptor. Es ist also ein Antidepressivum, das als erstes seit langem nicht mit dem Serotonin und noradrenergen System interferiert. Ob dies auch der Mechanismus der schnell eintretenden und in diesem Jahr den Zulassungsstempel der «Food and Drug Ad­ministration» (FDA) erhaltenen antidepressiven Wirkung ist, ist noch unbekannt.

Eine analoge Substanz, Esketamin, ist als nasaler Spray (noch nicht in der Schweiz und Europa) für schwere Depressionen, die eine schnelle Beeinflussung erfordern (z.B. Suizidalität), und behandlungsresistente Depressionen zugelassen, mit einem Jahresbudget von eindrücklichen ca. CHF 40 000! Die Halbwertszeit beträgt nur gut zwei Stunden (dabei kann es zu lebhaften Träumen kommen), die therapeutische Wirkungsdauer – wahrscheinlich vermittelt durch einen oder mehrere der Metaboliten – jedoch sieben Tage und mehr. Die Langzeitnebenwirkungen psychischer und anderer Art sind aufgrund der publizierten Daten noch als weitgehend unbekannt zu werten.

1 BMJ 2019, doi.org/10.1136/bmj.l4714

2 Am J Psychiatry 2019, doi.org/10.1176/appi.ajp.2018.18070834

Verfasst am 22.07.2019.

© Thirasak Phuchom | Dreamstime.com

 

Neues aus der Biologie

Zu einfach, um auch langfristig wahr zu sein?

Leider gibt es immer noch keine verlässliche Methode, die im Labor menschliche hämatologische Stammzellen in so grosser Zahl herstellen könnte, dass sie zuverlässig zur Regeneration des Knochenmarkes bei mali­gnen hämatopoetischen Neoplasien eingesetzt werden könnten. Nun könnte das aber bei Mäusen gelungen sein. Hämatologische Stammzellen konnten dank einer Substanz, die Bestandteil von Leim (!) ist, etwa 900-fach in vitro vermehrt werden. Diese konnten erfolgreich transplantiert werden und reiften dann adäquat in alle drei Blutreihen aus.

Die Substanz: Polyvinylalkohol. Bei Bestätigung, auch beim Menschen, wäre dies ein therapeutischer Quantensprung!

Nature 2019, doi.org/10.1038/s41586-019-1244-x

Verfasst am 24.07.2019.

© Olivier Le Queinec | Dreamstime.com

 

Neues aus der Biologie

Der Genetik des Typ-2-Diabetes auf der Spur

Wie bei vielen komplexen, multigenetisch bedingten Krankheiten hat man auch beim Typ-2-Diabetes in ­sogenannten genomweiten Untersuchungen (GWAS) nach genetischen Assoziationen/Ursachen gesucht (und in grosser Zahl gefunden). Die überwiegende Mehrheit der entsprechenden Genvarianten (Polymorphismen) findet sich aber in nicht-übersetzten DNA-­Abschnitten, sodass deren Relevanz für die Krank­heitsentstehung im Einzelfall zu beweisen bleibt.

Im Rahmen einer genetischen «par force»-Leistung wurde bei fast 21 000 Diabetespatient(inn)en das gesamte Exom (alle in RNA übersetzte Gensequenzen) ­se­quenziert und mit mehr als 24 000 Kontrollen verglichen. Der grosse Informationsgewinn der Studie liegt in der Voraussage wirklich kausaler ­Genvarianten in den früheren GWAS ­Studien und der Voraussage der funktionellen Konsequenzen der Varianten. Ein gros­ser Schritt für ein verbessertes Verständnis der genetischen Einflüsse auf die Pathophysiologie des Diabetes Typ 2.

Nature 2019, doi.org/10.1038/s41586-019-1231-2

Alle Daten sind für Interessierte online einsehbar unter: www.type2diabetesgenetics.org

Verfasst am 24.07.2019.

© Leonid Yastremskiy | Dreamstime.com

 

Neues aus der Biologie

Einen (oder den?) Phosphatsensor gefunden

In der Regulation des Elektrolyt-, Wasser- und Säure-Basen-Haushaltes spielen Detektormechanismen (Sensoren) eine entscheidende Rolle. Sie signalisieren dem Körper, dass es zu viel oder zu wenig des zu regulierenden Metaboliten gibt, wodurch dann die homeostatische Regulation einsetzt.

Es gibt eine Reihe von Protonensensoren, im Kalziumstoffwechsel ist es ein Kalziumkanal an den Nebenschilddrüsen, der zu einer veränderten Parthormon(PTH)-Sekretion und mittelbar einer Korrektur der Hypo- oder Hyperkalzämie führt. Wie das PTH für den Kalziumstoffwechsel so ist der – überraschenderweise in Osteozyten/Osteoblasten produzierte – FGF23 («fibroblast growth factor» 23) für den Phosphatstoffwechsel von primärer Bedeutung. FGF23 steigt (in Kooperation mit PTH) als Antwort auf eine Hyperphosphatämie / eine hohe diätetische Phosphatzufuhr an und diktiert der Niere, durch Hemmung der proximal-tubulären Phophatrückresorption, eine Phosphaturie zu induzieren und damit die Hyperphosphatämie zu korrigieren.

Nun wurde gefunden, dass nicht besetzte Rezeptoren von FGF23 (sog. FGF-Rezeptoren 1) als eigentliche Phosphatsensoren in Osteozyten fungieren können. Erkennen sie Phosphat, setzen sie folgende Reaktion in Gang: FGF23 wird verstärkt glykosyliert, sodass sein (proteolytischer) Abbau verzögert und seine phosphaturische Wirkung verstärkt respektive verlängert wird.

Proc Natl Acad Sci USA. 2019, doi.org/10.1073/pnas.1815166116

Verfasst am 30.07.2019.

© Anna Nikonorova | Dreamstime.com

 

Prof. Dr. med. Reto Krapf

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