access_time veröffentlicht 20.08.2019

Kurz und bündig Heft 35/36, Teil 2

Prof. Dr. med. Reto Krapf

Kurz und bündig Heft 35/36, Teil 2

20.08.2019

Lesen Sie die neuesten "Kurz und bündig"-Beiträge hier.

Für Ärztinnen und Ärzte am Spital

Wie gross ist der ImpACT?

Das Ganglion sphenopalatinum (siehe Abbildung) ist für die parasympathische Innervation der anterioren Hirnzirkulation verantwortlich. Seine Stimulation führt – via Freisetzung von Nitratoxid, Azetylcholin und vasoaktivem intestinalen Peptid (VIP) – zur Vasodilatation und signifikanten Zunahme des ipsilateralen zerebralen Blutflusses. Im Rahmen der ImpACT-24B-Studie (73 Zentren, 18 Länder) wurde bei 481 Patient(inn)en 8–24 Stunden nach einem nicht-thrombolysierten, anterioren Hirninfarkt ein injizierbarer Neurostimu­lator ins Ganglion sphenopalatinum implantiert. Die Kontrollgruppe bestand aus 519 Patient(inn)en, die ­einer Scheinintervention unterzogen wurden.

Leider waren die funktionellen Defizite nach drei Monaten nicht unterschiedlich. Die Tatsache, dass aber die in vivo erreichbare Stimulationsintensität mit einem besseren Verlauf korrelierte, weckt für die weitere Entwicklung und Verfeinerung dieser Methode für jene Patient(inn)en Hoffnung, die nicht für eine (zeitige) Thrombolyse in Frage kommen. Die Methode kommt in verschiedenen Zentren auch bei schwerer Erythro­prosopalgie (Cluster-Headache) zur Anwendung.

Abbildung: Darstellung des Ganglion sphenopalatinum in der Fossa pterygopalatina (Henry Vandyke Carter [Public domain] via Wikimedia Commons commons.wikimedia.org/wiki/File:Gray779fossapterygopalatina.jpg).

Lancet 2019, doi.org/10.1016/S0140-6736(19)31192-4

Verfasst am 22.07.2019.

 

Immer noch lesenswert

«The House of God»

Vor 40 Jahren publizierte Stephen Bergman unter dem Pseudonym Samuel Shem «The House of God», das ­inzwischen drei Millionen Mal verkauft wurde. Der Autor kommt im Roman selber als Assistenzarzt (Roy Basch) im Beth Israel Hospital in Boston vor. Er wird – zu Beginn – angeleitet von einem Assistenzarzt, dem «Fat Man», der inmitten des Stresses, von (bisweilen wilden) Sexabenteuern um ihn herum, grosser Arbeitsbelastung und Schlafentzügen ein illusionsloses, schlitzohriges (daher wohl: überlebensfähiges) Beispiel als Vorgesetzter abgibt. Im Grunde ist er aber ein wirklich bewundernswertes Vorbild für den vorbehaltlosen ärztlichen Einsatz zum besten Nutzen der Patient(inn)en.

Immer wieder lacht man auch über die Rolle des «Leggoa», dem Chef des Departements für Innere Medizin. Es handelt sich um den verstorbenen Internisten und Nephrologen, Franklin H. Epstein, einen enorm intelligenten und erfolgreichen klinischen Forscher (siehe PubMed). Der Autor hat soeben einen kleinen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte des Buches und die veränderte Situation der jetzigen Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung publiziert.

a «Leggo» ist die Abkürzung für «Let’s go» (Devise nach dem Morgenrapport respektive Weckruf für die Assistenten).

JAMA 2019, doi.org/10.1001/jama.2019.9499

Verfasst am 23.07.2019.

© Kobackpacko | Dreamstime.com

 

Auch noch aufgefallen

Gehirnveränderungen bei US-Diplomaten

Kurz und bündig wurde schon über die Vermutung berichtet [1], dass die von US-Diplomaten in Kuba und China beschriebenen Störungen wie Kopfschmerzen, Schwindel, verschwommenes Sehen und auditive Halluzinationen durch eine Ultrabeschallung durch das «Gast»-Land erzeugt werden könnten.

Bei 40 solcher Diplomaten fanden Forscher am «Center for Brain Injury and Repair» (University of Pennsylvania) im Vergleich zu (bis auf den Beruf) gut vergleichbaren Kon­trollen signifikante Abnahmen der kortikalen und zerebellären weissen und grauen Hirnmasse und eine Reihe detaillierter anderer Alterationen [2]. Die Ursache der offensichtlichen Schädigung in dieser kleinen Kohorte, namentlich ob es sich dabei um Folgen von Ultraschall handelt, bleibt unklar. Ultraschall bleibt aber aufgrund seiner Fähigkeit, auch therapeutische Neuromodulationen zu induzieren [1], ein offensichtlicher Kandidat. Allerdings ist die Korrelation des MRI-Phänotypen mit den klinischen Symptomen zumindest für einen Nicht-Neurologen auch nicht ganz zwangslos zu erklären.

1 Swiss Med Forum 2018, doi.org/10.4414/smf.2018.03177

2 JAMA 2019, doi.org/10.1001/jama.2019.9269

Verfasst am 25.07.2019.

© Mikhail Makeev | Dreamstime.com

 

Auch noch aufgefallen

Bioterror für die Tigermücke

Die Tigermücke (siehe Abbildung) hat es auf ihrer schnellen Ausbreitung innerhalb der letzten Jahre auch in unsere Breitengrade geschafft [1]. Die Mücken können Dengue-, Chikungunya- und Zika-Viren übertragen. Gegen die Folgekrankheiten gibt es noch keine breit anwendbare Impfung und keine viroziden Medikamente.

Auf zwei Inseln im Guangzhou-Fluss in China soll es gelungen sein, über 90% der Tigermücken biologisch zu eliminieren, und zwar mit der Aussetzung von männlichen Mücken, die ein mutiertes, sonst kommensal in ihnen lebendes Bakterium (Wolbachia) beherbergen. Wenn diese Männchen sich paaren, können die Nachkommen nicht aus den Eiern schlüpfen: Das Paar ist steril, die Population nimmt ab. Interessanterweise können andererseits Mückenweibchen, die das gleiche mutierte Bakterium tragen, mit infizierten und normalen männlichen Mücken Nachkommen zeugen. Allerdings sollen die Nachkommen weit weniger erfolgreich in der Virusübertragung sein.

1 www.nzz.ch/panorama/blutsauger-in-der-deutschschweiz-angekommen-ld.1405427.

2 Nature 2019, doi.org/10.1038/s41586-019-1407-9

Verfasst am 25.07.2019.

© Marcouliana | Dreamstime.com

 

Nicht ganz ernst gemeint

Regeln des «Fat Man» – eine Auswahl

1. GOMERs go to ground (a).

2. At a cardiac arrest, the first procedure is to take your own pulse.  

3. The patient is the one with the disease.  

4. Placement comes first (b).  

5. Age + BUN (c) = Lasix dose  

6. They (d) can always hurt you more.  

7. If you don’t take a temperature, you can find no fever.  

8. Show me the medical student who only triples my time and I will kiss his feet.  

9. If the radiology resident and the medical student both see a lesion on the chest x-ray, there can be no lesion there.

10. The delivery of good medical care is to do as much nothing as possible.

 

a GOMER = Akronym für «go out of my emergency room»: Meist verwahrloste «inner city» oder sehr alte Patienten mit multiplen Morbiditäten, sie kommen typischerweise immer dann auf den Notfall, wenn die Interns/Residents schon anderweitig am Anschlag sind.

b Also schon vor DRG!

c BUN = «blood urea nitrogen», in mmol/l angegeben entspricht 1:1 mmol/l Harnstoff. Hier ist allerdings die veraltete Konzentration mg/dl gemeint: BUN = Harnstoff in mg/dl × 0,467. BUN-Normwerte: etwa 7–25 mg/dl.

d In den 70er Jahren sprach man vom (Spital-)«Establishment».

Samuel Shem. The House of God. 1979. ISBN 0-440-13368-8.

Verfasst am 25.07.2019.

ID 88513638 © Kobackpacko | Dreamstime.com

Prof. Dr. med. Reto Krapf

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