access_time veröffentlicht 27.08.2019

Kurz und bündig Heft 37/38, Teil 1

Prof. Dr. med. Reto Krapf

Kurz und bündig Heft 37/38, Teil 1

27.08.2019

Lesen Sie die neuesten "Kurz und bündig"-Beiträge hier.

Fokus auf … Crowned-Dens-Syndrom

  • Chondrokalzinose der Halswirbelsäule bei meist älteren Patient(inn)en
  • Ablagerung von Kalziumpyrophosphat-Kristallen im und um das atlanto-axiale Gelenk
  • Symptome: meist sehr starke, auch rezidivierende Nacken-Hals- und Schulterschmerzen, bei Aktivierung mitunter ausgeprägte systemische Entzündungsreaktion
  • Imitator von: Polymyalgia rheumatica/Riesenzellarteriitis, Spondylodiszitis, Meningitis, Fieber unbekannter Ursache
  • Häufig konkomittierend Kalziumpyrophosphat-Erkrankung anderer Gelenke – Diagnostik: Computertomographie der Halswirbelsäule
  • Therapeutisch: Nicht-steroidale Antirheumatika oder Colchizin

Am J Med. 2019, doi.org/10.1016/j.amjmed.2019.06.050

Verfasst am 02.08.2019.

© Wavebreak Media Ltd - Dreamstime.com

 

«Crowned-Dens-Syndrom»: Computertomographisch dreidimensional (A: coronar; B: sagittal; C: transversal) dargestellt ist die Chondrocalcinose des Ligamentum transversum atlantis (88-jähriger Patient). Wir danken Herrn Prof. J. Heverhagen, Universitätsinstitut für Diagnostische, Interventionelle und Pädiatrische Radiologie, Inselspital, Universitätsspital, Bern, herzlich für die Bilder.

Praxisrelevant

Wo eine akute symptomatische Lungenembolie behandeln lassen?

Der Konzentrationsprozess in der schweizerischen Spitallandschaft ist primär ökonomisch bedingt und gewolltes Ziel der geänderten Spitalfinanzierung ab 2012 (bislang mit zweifelhaftem Effekt auf die Gesamtkosten). Die biologischen Vor- oder Nachteile einer Behandlung in den Spitälern mit grösseren Fallzahlen sprechen jedoch auch meist, aber nicht ganz immer dafür, die fragmentierten stationären Dienstleistungen zu konzentrieren.

Unterstützung erhält diese Politik durch eine Studie in 353 Spitälern in 16 verschiedenen Ländern. Die Mortalität einer Lungenembolie war nach 30 Tagen fast um die Hälfte geringer, wenn die Spitäler mehr als insgesamt immer noch relativ bescheiden erscheinende 40 Fälle/Jahr behandelten. Die Vergleichsspitäler behandelten weniger als 15 Fälle/Jahr. Statistisch ergab sich eine inverse Linearität zwischen Mortalität und Fallzahlen. In den Spitälern mit hohen Fallzahlen und niedrigster Mortalität waren die Aus- und Weiterbildungsspitäler deutlich übervertreten. Ein weiterer Hinweis, dass Aus-und Weiterbildung auch qualitätsfördernd sein können respektive sind.

BMJ 2019, doi.org/10.1136/bmj.l4416

Verfasst am 30.07.2019.

© Patricioj | Dreamstime.com

 

Praxisrelevant

Neues (orales) Therapieprinzip für die renale Anämie

Seit genau 30 Jahren sind verschiedene rekombinante Erythropoetine (zusammen mit Eisenzufuhr) Haupt­pfeiler der Korrektur der renalen Anämie: Bei Respek­tierung eines Zielhämatokrites von etwa 34% verbessern sie die Lebensqualität und vermindern das Auftreten ­einer linksventrikulären Hypertrophie und die Ge­­­samtmorta­lität. Eine Überkorrektur (Hämatokrit >34%, Hämoglobin >11 g/dl) führt dann allerdings zu einer erhöhten (kardio­vaskulären) Mortalität wegen Ery­thro­po­etin(Epo)-induzierten vaskulären Veränderungen, unter anderem als Folge der Epo-induzierten Blutdruckstei­gerungen.

Eine neue Medikamentenklasse, die sogenannten Prolyl-Hydroxylase-Inhibitoren, die oral eingenommen werden, erhöhen das endogene Epo indirekt (siehe erklärende Abbildung). Zusätzlich verbessern sie die ­Eisenresorption und Eisenfreisetzung aus internen ­Speichern durch Suppression von Hepcidin. In zwei ­Studien aus China wurde von einem solchen Inhibitor (Roxa­dustat) gezeigt, dass er bei Patient(inn)en mit fortgeschrittener chronischer Nierenerkrankung (vor und unter Dialyse) dem Epo zumindest ebenbürtig ist. Ob mit diesem Inhibitor (auch dank seines Einflusses auf den Eisenstoffwechsel) die renale Anämie ohne negative Folgen im Vergleich zum Epo ganz korrigiert werden darf, ist eine wichtige, aber noch offene Frage.

N Engl J Med. 2019, doi.org/10.1056/NEJMoa1813599, doi.org/10.1056/NEJMoa1901713, doi.org/10.1056/NEJMe1908978

Verfasst am 01.08.2019.

Erklärung der Wirkung der Prolyl-Hydroxylase-Inhibitoren. Die Prolyl-Hydroxylasen (PHD) sind Sauerstoffsensoren. Bei genügend Sauerstoff (Normoxie) hydroxylieren sie den Hypoxie-induzierbaren Faktor (HIF-2alpha). Dieser geht dann eine Bindung mit dem Von-Hippel-Lindau-Eiweiss (VHL) ein, was zu seinem proteolytischen Abbau (via das Ubiquitin-System) führt (Abbildung, linke Seite). HIF-2alpha steht also für die Stimulation Hypoxie-induzierter Gene, namentlich dem Erythropoietin-Gen nicht zur Verfügung. Inhibitoren der Prolyl-Hydroxylase imitierten nun den Effekt eines Sauerstoffmangels (Hypoxie): Die Hydroxylierung des HIF-2alpha und damit die Bindung des VHL ist nicht mehr möglich, HIF-2alpha wird nicht mehr proteolytisch abgebaut, wird also via Verlängerung seiner Halbwertszeit aktiviert und erhöht – u.a. – die Expression des Erythropoietin-Gens (Abbildung, rechte Seite).

 

Immer noch lesenswert

Ein Wendepunkt in der Behandlung der Zystischen Fibrose

Am 9. September 1989, also vor fast genau 30 Jahren, publizierte Science drei Originalpublikationen, welche die bis heute mit Abstand häufigste genetische Ursache der Zystischen Fibrose (Mukoviszidose [CF]) identifizierten [1]. Es handelt sich um Mutationen des sogenannten CFTR-Gens («cystic fibrosis transmembrane regulator»), welches die Produktion eines Chloridkanals reguliert. Bei genetischem Defekt wird die Chloridsekretion aus den epithelialen Zellen (Bronchialschleimhaut) gehemmt, die negativ geladenen Chloridionen stimulieren die Natrium- und Wasserresorption, wodurch der Schleim viskös und dick wird und die bronchiale Clearance massiv abnimmt (siehe Abbildungen A und B).

Heute sind fast 2000 Mutationen bekannt, 281 davon krankheitsverursachend. 90% davon betreffen das CFTR-Gen. Die häufigste Mutation führt dazu, dass dieser Chloridkanal nicht aus dem endoplasmatischen Retikulum in die Zellmembran wandern kann. Die wenigen Kanäle, die es dorthin schaffen, sind funktionell zusätzlich minderwertig (die Kanäle sind häufiger geschlossen als geöffnet). Heute gibt es Kombinationstherapien von 2–3 Medikamenten [2], welche die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein Kanal den Weg in die Membran findet und zusätzlich seine Funktion verbessert (sog. «correctors» und «potentiators»).

Abbildung: Schematische Darstellung des Elektrolytransports in (A) Bronchialepithelien und (B) Schweissdrüsen (aus: Welsh MJ, Fick RB. Cystic fibrosis. J Clin Invest. 1987;80(6):1523–6. Copyright © 2019 American Society for Clinical Investigation. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung).
Es ist nicht ganz einfach verständlich, warum bei der Zystischen Fibrose (CF) in den Bronchien (B) die Chloridsekretion vermindert und trotzdem die NaCl-­Konzentration im universellen Schweisstest (B) erhöht sein soll. Die Natur dieser Epithelien ist bezüglich Richtung des Chloridtransportes gegensätzlich: Bronchialepithelien sezernieren Chlorid, während Schweissdrüsen vor allem im diesbezüglich dominanten Schweissdrüsengang Chlorid absorbieren. Bei Defekten des Chloridtransportes werden die Bronchialepithelien also aus elektrischen Gründen Na+ (und sekundär H2O) vermehrt absorbieren (der bronchiale Schleim ist dann arm an NaCl), während in den Schweissdrüsen NaCl vermindert absorbiert wird, der Schweiss also kochsalzreich wird.

1 Science 1989, doi.org/10.1126/science.2772657, doi.org/10.1126/science.2475911 und doi.org/10.1126/science.2570460

2 NEJM 2018, doi.org/10.1056/NEJMe1811996.

Verfasst am 01.08.2019.

 

Und auch noch hörenswert

Wert der Sprachenkenntnis

Immer wieder kann man staunen, zu welchen Leistungen (und Erfolgen) Sprösslinge aus kleinen Alpentälern in der grossen Welt fähig waren und sind. Ganz besonders gilt dies eindrucksmässig für die italienischsprachigen Alpensüdtäler (Tessin mit seinen vielen Valli, die Bündner Täler Misox, Bergell, Puschlav und Münstertal), deren speziell harte Lebensbedingungen wohl das Durchsetzungsvermögen mitgeprägt haben. Wer hätte vermuten können, dass aus dem Strassendorf Stampa im Bergell die Giacomettis hervorgehen würden?

Als Jugendliche lauschten wir begeistert – wie wir erst kürzlich kurz und bündig lernten – einem anderen Bergeller aus Stampa: Vico Rigassi! Er konnte Fussball- und Eishockey-Spiele dreisprachig rapportieren. Die drei Landessender (Sottens, Ceneri und Beromünster) schlossen ihre Leitungen zusammen und die ganze Schweiz lauschte diesem Mann (und verstand ihn!). In einer Zeit, in der auch an schweizerischen Medizinkongressen Englisch zu einer Art Esperanto geworden ist, lohnt es sich, ihm wieder einmal zuzuhören. Vielleicht wird das Erlebnis sogar zu einem Weckruf …

https://www.srf.ch/sendungen/sinerzyt/sprachgewandter-vico-rigassi

Verfasst am 03.08.2019.

© Oleg Dudko | Dreamstime.com

Für Ärztinnen und Ärzte am Spital

Implantierbare Sensoren zur Druckmessung in der Arteria pulmonalis

Das Monitoring des Druckes in der Pulmonalarterie (implantierbarer Sensor, CardioMEMS®) und die kabellose Übermittlung an die Körperoberfläche führte – in relativ kleinen Studien – wegen der dadurch möglichen Therapieadaptation zu einer deutlichen Reduzierung der Rehospitalisationsrate bei Herzinsuffizienz [1].

In einer exploratorischen Studie [2] bei 26 Patient(inn)en mit schwerer pulmonal-arterieller Hypertonie (sekundäre Herzinsuffizienz NYHA III und IV) wurde dieses Monitoring auch in dieser Indikation als hilfreich getestet. Der implantierte Sensor war in dieser Gruppe sicher mit komplikationsfreiem Funktionieren bis zu vier Jahren.

1 Lancet 2011, doi.org/10.1016/S0140-6736(11)60101-3

2 Chest 2019, doi.org/10.1016/j.chest.2019.06.010

Verfasst am 01.08.2019.

© Arne9001 - Dreamstime.com

 

Prof. Dr. med. Reto Krapf

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