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«Aus der Sicht eines Betroffenen»

Aus der Sicht eines Betroffenen

Ich bin der Patient aus dem ersten Fallbeispiel und möchte den Artikel von Prof. Tarr und Kollegen sowie das Editorial von Prof. Vernazza aus der Sicht eines PrEP-Users diskutieren. Prof. Vernazza argumentiert, dass in der Schweiz die HIV-Inzidenz so gering sei, dass die HIV-Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) als ineffiziente Public-Health-Massnahme einzustufen sei. Der Fokus von PrEP sollte aber nicht so stark auf erfolgreich behandelte HIV-positive, sondern auf HIV-­negative MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) gelegt werden, denn diese stecken sich potentiell mit HIV an.

Die praktische Erfahrung mit Online-Dating, Darkrooms, Sexparties und Ähnlichem zeigt, dass viele HIV-negative MSM zu Risikoverhalten neigen und dieses danach ausblenden. Viele brauchen das Kondom nicht konsistent, weil der Lustgewinn um ein Vielfaches höher ist. Ist man in Schweizer Städten als MSM sexmässig unterwegs, halten vielleicht 50% die ­Safer-Sex-Regeln ein. Nicht zu unterschätzen ist auch, dass bei MSM-Sex oft Poppers oder Tetrahydrocan­nabinol (THC) im Spiel sind. Erschreckend ist auch die Zunahme von Sex ­unter dem Einfluss von Kokain, Gammahy­droxybuttersäure (GHB) oder Crystal Meth, bei dem die maximale Luststeigerung das Hauptziel ist und nicht Safer Sex.

Zudem lebt die Schweiz epidemiologisch nicht losgelöst vom Rest der Welt. Schweizer MSM reisen viel aufgrund ihrer Kaufkraft und wagen zum Teil erst in fremden Grossstädten, ihre sexuellen, risikoreichen Fantasien auszuleben. An einem Grossanlass wie dem Ostertreffen in Berlin kommen über 10 000 MSM aus der ganzen Welt zusammen. Ein beträchtlicher Teil davon praktiziert dabei risikoreichen Sex. Viele ausländische MSM reisen auch in die Schweiz, sind hier sexuell aktiv oder bieten sich als Escort an. Gemäss Prof. Vernazza stecken sich rund 250 MSM in der Schweiz jährlich mit HIV an. Eine HIV-Therapie kostet rund 20 000 CHF pro Jahr. Könnte man die Zahl nur um 100 senken würde man jährlich 2 Mio. CHF einsparen.

Gemäss Prof. Vernazza wünschen viele MSM die PrEP nur für einen speziellen Event. Meine ­Erfahrung ist, dass jene, die ungeschützten Sex praktizieren, dies viel regelmässiger tun als sie es jemals zugeben. Es herrscht beim Thema Sex wie oft, unabhängig von der sexuellen Orientierung, eine gewisse Verlogenheit vor. Viele MSM wünschen sich eine angstfreie Sexualität. PrEP macht es möglich, HIV-Ansteckungsängste zu reduzieren und fördert die sexuelle Gesundheit, denn regelmässige Checks im Rahmen der PrEP tragen dazu bei, dass ­Geschlechtskrankheiten rechtzeitig behandelt werden.

Die Vorbehalte in der Schweiz gegenüber einer von Krankenkassen mitfinanzierten PrEP sind mittlerweile weniger medizinischer Art. Die Hauptsorge ist, das Gesundheitswesen finan­ziell zu belasten. Man kann in Sachen PrEP viele Parallelen zur Einführung der oralen Kontrazeption ziehen (s. Vernazza): anfängliche Skepsis, Diskussionen um die Kostenübernahme, schliesslich Normalisierung. Übrigens wird die orale Kontrazeption heute auch nicht von 100% der Schweizer Frauen verlangt, obwohl sie zur Verfügung stünde. Die Schweiz zeigt in Sachen PrEP keinen Pioniergeist. Andere Länder sind uns weit voraus.

Image d'en-tête: © Thomas Gowanlock | Dreamstime.com

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