access_time veröffentlicht 06.02.2020

Ein neues Coronavirus breitet sich aus: machen wir es richtig?

Dr. med. Danielle Vuichard
Prof. Dr. med. Andreas Widmer
Prof. Dr. med. Martin Krause

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Ein neues Coronavirus breitet sich aus: machen wir es richtig?

06.02.2020

Hintergrund

Nachdem Ende 2019 bei zahlreichen Patienten mit Pneumonie in Wuhan (Provinz Hubei, China) das neue Coronavirus 2019-nCoV entdeckt wurde, hält dessen globale Ausbreitung die ganze Welt in Atem. Mit rund 80% aller neu diagnostizierten Fälle innerhalb der letzten 24 Stunden bleibt die Provinz Hubei auch heute, den 05.02.20, Epizentrum [1]. Flüge und Zugreisen aus den grössten Städten dieser Provinz sind bis auf Weiteres gestrichen, Strassen sind gesperrt und es gilt eine allgemeine Maskentragepflicht.

Meldungen von Zeitungen, Radio und Fernsehen überschlagen sich täglich mit neuen Zahlen zu Ansteckungen und Todesfällen. Am 30.01.2020 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den internationalen Gesundheitsnotstand erklärt. Dies soll eine verbesserte länderübergreifende Kooperation ermöglichen und den Fluss von Geldern für die Förderung von Präventionsmassnahmen erleichtern. Jedes renommierte Journal hat bereits im Januar 2020 erste wissenschaftliche Arbeiten über 2019-nCoV publiziert [2-7]. Ein Interview im Online-Magazin Science unterstreicht allerdings unsere Vermutung, dass der «Peer Review» inmitten einer Epidemie unter dem Druck, neueste Erkenntnisse möglichst rasch zu veröffentlichen, weniger akribisch ist und die Qualität der Daten entsprechend mit Vorsicht interpretiert werden müssen [8].

Unter diesen Umständen müssen wir uns zu Recht die Frage stellen: Können wir es richtig machen?

Vergleich mit SARS- und MERS-CoV – ein «déjà-vu»?

Nach SARS («severe acute respiratory syndrome») und MERS («Middle East respiratory syndrome») ist dies bereits das dritte Mal innerhalb der letzten 20 Jahre, dass es ein Virus der Familie der Betacoronaviren schafft, vom Tier auf den Menschen überzuspringen und eine Epidemie auszulösen. Bei allen drei Erregern werden Fledermäuse als Reservoir vermutet. Die SARS-Epidemie mit Beginn im Jahr 2002 zählte am Ende rund 8000 Infizierte und 770 Tote und verursachte globale Kosten von bis zu 100 Milliarden US-Dollar, während MERS zwar durch weniger Infektionen, jedoch fulminantere nosokomiale Ausbrüche und eine deutlich höhere Mortalität (ca. 35%) gekennzeichnet ist und bis heute nicht eliminiert werden konnte [7]. Mit über 24 000 bestätigten Fällen und fast 500 Toten [1] – Dunkelziffer unklar –  erreicht die aktuelle Epidemie mit dem 2019-nCoV eine neue Dimension und macht uns die Unberechenbarkeit dieser Viren deutlich. Laut Schätzungen liegt die Mortalität bei rund 2–3% und ist somit zehnmal höher als bei der saisonalen Influenza [9].

Übertragungswege und Ansteckungsrate

Der Bericht eines familiären Clusters ausserhalb der Stadt Wuhan sowie dokumentierte Infektionen beim Spitalpersonal, das Patienten mit 2019-nCoV betreute, wiesen bald auf eine Mensch-zu-Mensch Übertragung hin [3, 10]. Die Ansteckungsrate pro infizierte Person wird aktuell mit ca. 2–3 gleich hochgeschätzt wie bei SARS oder der Influenza-Pandemie von 1918 [11]. Ausserdem wird vermutet, dass es ähnlich wie bei SARS vereinzelte sogenannte «superspreader» gibt, also Personen, die aus noch ungeklärten biologischen und pathophysiologischen Gründen unverhältnismässig mehr Personen anstecken [12]. Demgegenüber fällt die Übertragungsrate bei der saisonalen Influenza mit durchschnittlich 1,5 Neuansteckungen pro infizierten Indexfall deutlich tiefer aus. Die am häufigsten betroffenen Patienten sind männlich und über 45-jährig [13]. Coronaviren sind respiratorische Viren und werden primär beim Kontakt mit Tröpfchen aus den Atemwegen einer infizierten Person, die zum Beispiel beim Husten oder Niesen entstehen, verbreitet. Das Praktizieren einer guten respiratorischen Hygiene (sog. Hustenetikette) ist deshalb von enormer Wichtigkeit. Der fehlende Nachweis von Kontaktpersonen deutet allerdings auch auf Übertragungen durch oligosymptomatische Indexfälle hin [14].

Wie ist das Vorgehen in der Schweiz?

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat mit einer vorbildlichen Schnelligkeit auf die Ereignisse reagiert, ohne eine Panik auszulösen. Es wurde eigens eine Hotline sowohl für die Allgemeinbevölkerung als auch für die Ärzteschaft errichtet. Aktuelle Informationen zur nationalen und internationalen Lage werden in drei Landessprachen publiziert und ein neues Formular zur Meldung von bestätigten 2019-nCoV-Fällen steht bereits zur Verfügung.

Zeitgerecht wurden in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Zentrum für Infektionsprävention eine Falldefinition und Handlungsanweisungen verfasst (Tab. 1). Auf ein Einreiseverbot aus betroffenen Gebieten wurde bislang verzichtet.
 

Tabelle 1: Wichtigste Informationen online zu 2019-nCoV.

BAG Meldeformulare für 2019-nCoV

Aktualisierte Informationen zu Falldefinition, Verdachtsfälle, Meldekriterien wie auch zu Probenentnahme und Adresse der Kantonsärzte https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/infektionskrankheiten-bekaempfen/meldesysteme-infektionskrankheiten/meldepflichtige-ik/meldeformulare.html

ProMED – weltweite Ausbruchsereignisse

Grösstes öffentlich zugängliches System für die weltweite Berichterstattung von Ausbrüchen mit Infektionskrankheiten. Mindestens tägliche Aktualisierung. https://promedmail.org/

Empfehlungen zu Vorsorgemassnahmen in Spitälern

https://www.swissnoso.ch/forschung-entwicklung/aktuelle-ereignisse/
Massnahmen bei Verdacht auf eine 2019-nCoV-Infektion oder mit einer bestätigten 2019-nCoV-Infektion im Spital (DE, FR, IT).

Nationales Referenzzentrum für neu auftretende Virusinfektionen (CRIVE)

https://www.hug-ge.ch/laboratoire-virologie/centre-national-reference-pour-infections-virales
Aktuell kann bei allen Proben, welche bis kurz vor 20:00 Uhr in Genf eintreffen, mit einer Übermittlung des Resultates an den Auftraggeber bis am nächsten Morgen gerechnet werden.

Definition eines 2019-nCoV Verdachtsfalls

Seit dem 30.01.2020 gilt eine Person als Verdachtsfall, bei:

  • Symptomen einer akuten Erkrankung der Atemwege (Husten, Atemnot) sowie neu auch Fieber ≥38 °C

UND

  • In den letzten 14 Tagen vor Symptombeginn
    • Reise in ein betroffenes Gebiet (China)
      ODER
    • Enger Kontakt zu einem bestätigten Fall (<1 Meter während >15 Minuten), zum Beispiel Mitbewohner, Krankenpflege oder direkter Kontakt mit respiratorischen Sekreten und anderen Körperflüssigkeiten ohne persönliche Schutzmassnahmen.

Wichtiger Hinweis

Reisende aus China mit Schnupfen ohne Fieber gelten somit nicht als Verdachtsfälle.

Management

Was ist zu tun bei einem Verdachtsfall?

  1. Jeder Verdachtsfall muss zuerst mit dem kantonsärztlichen Dienst besprochen werden.
  2. Im Idealfall meldet sich der Patient per Telefon und eine erste Triage erfolgt mit gezielter Nachfrage nach Exposition und klinischen Symptomen entsprechend den Kriterien der Falldefinition.
  3. Bei Vorstellung in der Praxis gilt: Sich selbst und seine Mitarbeitende schützen mit Maske (mindestens chirurgische Maske Typ II), Handschuhen und Schutzmantel und Verdachtsfälle direkt ins Untersuchungszimmer führen.
  4. Bei Vorstellung im Spital gilt: Kontakt- und Aerosolisolation mit Unterbringung im Einzelzimmer, Unterdruck nicht nötig.
  5. Nasopharyngealabstrich beim Verdachtsfall asservieren und (nach Absprache mit dem Mikrobiologielabor) durch einen Mitarbeitenden/Kurier ins Labor bringen; Probe nach Genf ins Referenzlabor schicken lassen (Tab. 1).

Was tun, wenn sich der Fall bestätigt?

  1. Idealerweise wurden im Vorfeld interne und externe Kommunikationsabläufe geklärt.
  2. BAG-Meldeformular ausfüllen (Tab. 1).
  3. Beibehalten der Kontakt-/Aerosolisolation im Spital oder in Absprache mit kantonsärztlichem Dienst Möglichkeit der «Heimisolation» evaluieren.

Ob ein Patient wieder nach Hause gelassen werden darf oder im Spital in Quarantäne bleiben soll, ist leider kantonal unterschiedlich geregelt. Diese Uneinigkeit ist ärgerlich und man wünschte sich eine bessere Absprache unter den Kantonsärzten.

Die Dauer der Kontakt-/Aerosolisolation im Spital wird in Absprache mit dem Team für Infektiologie und Spitalhygiene vor Ort festgelegt. Die Infektionskrankheit dauert durchschnittlich zwei Wochen, die Ansteckungsgefahr nimmt nach sieben Tagen deutlich ab. Eine spezifische antivirale Therapie gegen Coronaviren existiert heute noch nicht. Remdesivir, ein nicht zugelassenes Nukleotid-Analog, das bereits zur Behandlung von Ebola untersucht wird, scheint laut Einzelfallbericht eine mögliche Wirkung zu haben [4], weshalb die Gesundheitsbehörden in China nun bereits mit der Herstellerfirma eine randomisiert kontrollierte Studie planen.

Ebenso existiert noch kein Impfstoff, der präventiv Schutz gegen die Krankheit bieten würde. Allerdings sind auch hier erste Anstrengungen bereits im Gange.

Fazit

Auch wenn wir die weitere Ausbreitung dieser ansteckenden Infektionskrankheit noch nicht abschätzen können, darf man feststellen, dass hierzulande bisher (fast) alles richtig gemacht wurde.

 

Disclosure statement

Die Autoren haben keine finanziellen oder persönlichen Verbindungen im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

Referenzen

  1. www.promedmail.org,letzter Zugriff am 05.02.2020 um 15:00 Uhr.
  2. Huang C, Wang Y, Li X, Ren L, Zhao J, Hu Y, et al. Clinical features of patients infected with 2019 novel coronavirus in Wuhan, China. Lancet. 2020. Epub 2020/01/24. doi:10.1016/S0140-6736(20)30183-5. PubMed PMID: 31986264.
  3. Chan JF, Yuan S, Kok KH, To KK, Chu H, Yang J, et al. A familial cluster of pneumonia associated with the 2019 novel coronavirus indicating person-to-person transmission: a study of a family ­cluster. Lancet. 2020. Epub 2020/01/24. doi:10.1016/S0140-6736(20)30154-9. PubMed PMID: 31986261.
  4. Holshue ML, DeBolt C, Lindquist S, Lofy KH, Wiesman J, Bruce H, et al. First Case of 2019 Novel Coronavirus in the United States. N Engl J Med. 2020. Epub 2020/01/31. doi:10.1056/NEJMoa2001191. PubMed PMID: 32004427.
  5. Kickbusch I, Leung G. Response to the emerging novel coronavirus outbreak. BMJ. 2020;368:m406. Epub 2020/01/31. doi:10.1136/bmj.m406. PubMed PMID: 32005675.
  6. Nishiura H, Jung SM, Linton NM, Kinoshita R, Yang Y, Hayashi K, et al. The Extent of Transmission of Novel Coronavirus in Wuhan, China, 2020. J Clin Med. 2020;9(2). Epub 2020/01/24. doi:10.3390/jcm9020330. PubMed PMID: 31991628.
  7. Paules CI, Marston HD, Fauci AS. Coronavirus Infections-More Than Just the Common Cold. JAMA. 2020. Epub 2020/01/23. doi:10.1001/jama.2020.0757. PubMed PMID: 31971553.
  8. https://www.sciencemag.org/news/2020/02/paper-non-symptomatic-patient-transmitting-coronavirus-wrong. Letzter Zugriff am 05.02.20 um 15:00 Uhr.
  9. Coronavirus 2019-nCoV Global Cases by Johns Hopkins CSSE https://gisanddata.maps.arcgis.com/apps/opsdashboard/index.html#/bda7594740fd40299423467b48e9ecf6. Letzter Zugriff 05.02.2020.
  10. Wang C, Horby PW, Hayden FG, Gao GF. A novel coronavirus outbreak of global health concern. Lancet. 2020. Epub 2020/01/24. doi: 10.1016/S0140-6736(20)30185-9. PubMed PMID: 31986257.
  11. Li Q, Guan X, Wu P, Wang X, Zhou L, Tong Y, et al. Early Transmission Dynamics in Wuhan, China, of Novel Coronavirus-Infected Pneumonia. N Engl J Med. 2020. Epub 2020/01/29. doi: 10.1056/NEJMoa2001316. PubMed PMID: 31995857.
  12. Riou J, Althaus CL. Pattern of early human-to-human transmission of Wuhan 2019 novel coronavirus (2019-nCoV), December 2019 to January 2020. Euro Surveillance. 2020;25(4). doi: https://doi.org/10.2807/1560-7917.ES.2020.25.4.2000058.
  13. Chen N, Zhou M, Dong X, Qu J, Gong F, Han Y, et al. Epidemiological and clinical characteristics of 99 cases of 2019 novel coronavirus pneumonia in Wuhan, China: a descriptive study. Lancet. 2020. Epub 2020/01/30. doi: 10.1016/S0140-6736(20)30211-7. PubMed PMID: 32007143.
  14. Rothe C, Schunk M, Sothmann P, Bretzel G, Froeschl G, ­Wallrauch C, et al. Transmission of 2019-nCoV Infection from an Asymptomatic Contact in Germany. N Engl J Med. 2020. Epub 2020/01/30. doi:10.1056/NEJMc2001468. PubMed PMID: 32003551.

 

Foto: © Ru Pon | Dreamstime.com

Dr. med. Danielle Vuichard

Departement Innere Medizin, Abteilung für Infektiologie & Spitalhygiene, Kantonsspital Münsterlingen, Spital Thurgau

Prof. Dr. med. Andreas Widmer

Klinik für Infektiologie & Spitalhygiene, Universitätsspital Basel, Basel

Prof. Dr. med. Martin Krause

Departement Innere Medizin, Abteilung für Infektiologie & Spitalhygiene, Kantonsspital Münsterlingen, Spital Thurgau

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