access_time veröffentlicht 10.03.2020

Kurz und bündig Heft 13/14, Teil 1

Prof. Dr. med. Reto Krapf

Kurz und bündig Heft 13/14, Teil 1

10.03.2020

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Fokus auf ... Gesund essen: Parallele zu erfolgreicher ­Aktieninvestition

  • Zentral und überlebenswichtig ist bei beidem: Diversifikation!
  • Der sogenannten Weisheit der Märkte* entspricht: Die Gesundheitsfolgen der Diät sind unter anderem unsere Langlebigkeit (also machen wir nicht alles falsch).
  • Wir verstehen aber die Folgen individueller Komponenten nicht oder schlecht (und signifikante Korrelationen werden auffällig häufig wieder relativiert).
  • Ein weiteres Beispiel: Milchkonsum und Gesundheit!
    • kein Effekt auf Frakturraten beim Erwachsenen;
    • keine eindeutigen Folgen auf Gewichtskontrolle, Diabeteshäufigkeit und kardiovaskuläre Morbidität;
    • angeblich erhöhtes Risiko für Prostata- und Endometriumkarzinome, aber tieferes Risiko für kolorektale Karzinome.

* Im Aktienkurs sind die Folgen aller kursrelevanten Informationen bereits enthalten. Stimmt meist, aber eben nicht immer ...

N Engl J Med. 2020, doi.org/10.1056/NEJMra1903547
Verfasst am 22.02.2020.

Praxisrelevant

Flash-Glukose-Monitoring: vielversprechende Verlaufsdaten

Mittels eines meist am Oberarm applizierten, intra­kutanen Sensors und eines handyartigen Lesegeräts kann Glukose («Gewebezucker») regelmässig gelesen werden. Der Sensor sollte alle zwei Wochen gewechselt werden, hat eine Latenz von mindestens zehn Minuten gegenüber schnellen Blutzuckerschwankungen und kann angeblich nicht kalibriert werden. In dieser ­Studie, in der ein paralleler Arm mit traditionellen Glukosemessmethoden (kapillärer Blutzucker) leider fehlte, führte der Wechsel zu diesem System bei 1365 Personen innerhalb von sechs und zwölf Monaten (55% Männer; 77% Patient[inn]en mit Typ-1-, 16% mit Typ-2-Dia­betes, Rest mit anderen Diabetesformen) zu einem ­signifikanten Abfall es HbA1C (Vergleich zu Baseline), weniger Hypoglykämien, weniger Hospitalisationen und weniger Abwesenheiten am Arbeitsplatz.

Eine interessante Studie aus dem Alltagsleben. Schalten die grosse Zahl der Patient(inn)en und die verschiedenen positiv beeinflussten Verlaufsparameter die metho­dologischen Vorbehalte aus?

BMJ Open Diabetes Res Care 2020, doi.org/10.1136/bmjdrc-2019-000809
Verfasst am 22.02.2020, auf Hinweis von Frau Dr. A. Cettuzzi, Muttenz.

 

5 Jahre nach Aortenklappenersatz: ­katheterbasierter vs. operativer Ersatz

Bei gut 2000 Patient(inn)en (Altersdurchschnitt 81 Jahre) mit mittlerem chirurgischem Risiko*, die in 57 verschiedenen Spitälern in Kanada und den USA wegen ­einer schweren, symptomatischen valvulären Aorten­stenose einem Klappenersatz unterzogen wurden, ist nun der 5-Jahres-Verlauf dokumentiert. Die ursprüngliche Zuteilung zum chirurgischen Klappenersatz oder TAVR («transcatheter aortic-valve replacement») war randomisiert erfolgt. Die Daten für TAVR sind ermutigend: Innerhalb dieser fünf Jahre waren der Gesundheitszustand in beiden Gruppen wie auch die härteren Verlaufsmerkmale (Mortalität und Behinderungen nach Schlaganfall) gleich, letztere traten aber doch in fast der Hälfte der Fälle ein. Die TAVR-Gruppe wies ­häufiger ein leichtes paravalvuläres Leck (33 vs. 6%) auf. Ebenfalls waren Rehospitalisationen mit 33 gegenüber 25% und Reinterventionen mit 3,2 gegenüber 0,8% häufiger. Die Reinterventionen in der TAVR-Gruppe waren nach zwei Jahren wegen progressiver Stenose oder Regurgitation nötig. Es bleiben also einige Fragen offen für den noch längerfristigen Verlauf. Die ver­wendeten, katheterbasierten Implantate sind nicht mehr im Gebrauch, bleibt zu hoffen, dass die aktuellen ­Modelle noch bessere Langzeitresultate bringen.

* Zum Abschätzen des chirurgischen Risikos von Patient(inn)en mit valvulären Aortenstenosen bestehen Risikokalkulatoren, zum Beispiel unter www.sts.org/resources/risk-calculator.

N Engl J Med. 2020, doi.org/10.1056/NEJMoa1910555
Verfasst am 27.02.2020.

 

Gicht und Aortenstenose

Gicht, aber auch chronisch erhöhte Harnsäurespiegel sind mit zahlreichen kardiovaskulären Erkrankungen assoziiert, namentlich koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und peripherer arterieller Verschlusskrankheit. Vermutete Mechanismen sind eine systemische Entzündungsaktivität, Akkumulierung reak­tiver Sauerstoffradikale, aber auch direkt Effekte der Harnsäure (z.B. wie vaskuläre Uratkristallablagerungen) per se. Eine Gichterkrankung kann auch ein ­prädiktiver Faktor für eine verkalkende, valvuläre ­Aortenstenose sein. Ein solche liegt bei fast doppelt so vielen Patient(inn)en mit wie ohne Gicht vor. Eine schwere Form lag bei Patient(inn)en mit Gicht in 74% versus 54% ohne Gicht vor (p <0,001) und dies selbst bei Patient(inn)en, die zu Beginn echokardiographisch keine Aortenstenose aufgewiesen hatten. Im Schnitt knapp sechs Jahre nach der Diagnose Gicht musste auch die Diagnose Aortenstenose gestellt werden. Die Assoziation blieb bestehen auch nach Korrektur für eine Reihe von Kovariablen.

Ein interessanter Aspekt: Können eine erfolgreiche Behandlung oder besser Prävention von Gichtattacken Auf­treten und Progression der Aortenstenose vermindern respektive verlangsamen? Müssen wir unter Kontrolle dieses Verlaufes allenfalls die Harnsäurespiegel per se (auch ohne Gichtattacken) senken? Fragen für wichtige Interventionsstudien!

Am J Med 2020, doi.org/10.1016/j.amjmed.2020.01.019
Verfasst am 24.2.2020.

 

Nebenwirkungen niedrig dosierten Methotrexates

Niedrig dosiertes Methotrexat (<20 mg/Woche) ist bei der Rheumatoiden Arthritis ein seit 30 Jahren eingesetzter und erfolgreicher Entzündungshemmer. Umso erstaunlicher ist, dass es nur wenige systematische Quantifizierungen der Nebenwirkungen (randomisiert, plazebokontrolliert) gibt. Diese Lücke schliesst ein ­randomisierter, doppelblinder Vergleich der Nebenwirkungen von niedrig dosiertem Methotrexat mit Plazebo (je knapp 2400 Patient[inn]en) im Rahmen der negativ ausgefallenen CRIT-Studie («cardiovascular inflammation reduction trial»), also bei Patient(inn)en ohne Rheumatoide Arthritis. Bei einem Follow-up von 23 Monaten und einer medianen Methotrexat­dosis von 15 mg pro Woche traten in 87% (Plazebo: 81%) Nebenwirkungen auf. Milde Anämie (in 30%), Leukopenie oder Thrombopenie (in je knapp 9%) waren die häufigsten hämatologischen Nebenwirkungen. Onkologisch traten vermehrt kutane Neoplasien, nicht aber andere Krebsarten, auf. Eine weite Palette von hepa­tischen und bronchopulmonalen sowie infektiologischen Nebenwirkungen, alle meist milder Art, kamen ebenfalls gehäuft vor (siehe Tabellen 3–5 der referenzierten Arbeit für die konkreten Zahlen). Die Nebenwirkungen auch bei niedrig dosiertem Methotrexat sind häufiger als bei Plazebo und erfordern die in den Richtlinien empfohlenen regelmässigen Kontrollen. Die untersuchte Studienpopulation lässt natur­gemäss offen, ob in der Kernindikation des Metho­trexates (Rheumatoide Arthritis) die Häufigkeit und Schwere der Nebenwirkungen vergleichbar sind.

Annals of Internal Medizin 2020, doi.org/10.7326/M19-3369
Verfasst am 24.02.2020.

Prof. Dr. med. Reto Krapf

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