access_time veröffentlicht 12.11.2019

Kurz und bündig Heft 47/48, Teil 2

Prof. Dr. med. Reto Krapf

Kurz und bündig Heft 47/48, Teil 2

12.11.2019

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Immer noch lesenswert

Kataraktoperationen zum 70. Geburtstag

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat vor einigen Tagen ihre Prognose der ­massiven Zunahme von Augenerkankungen publiziert. Bei Kindern/Jugendlichen soll es zu einer Zunahme von Kurzsichtigkeit kommen, bei älteren Menschen aus demo­graphischen Gründen zu mehr Katarakten und Makuladegenera­tionen.

Es scheint deshalb angebracht, sich einer der bahnbrechenden Leistungen in der Ophthalmologie speziell zu erinnern. Vor 70 Jahren hat ­Harold Ridley nach einer Linsenextraktion die erste aus Acryl bestehende Kunstlinse implantiert. Die refraktiven Eigenschaften dieser Linsen lagen innerhalb von zwei Diop­trien des gesunden Auges. Eine längerfristige Kontrolle zeigte nach zwei Jahren eine «excellent function» ohne Entzündungszeichen.

Br J Ophthalmol. 1952, doi.org/10.1136/bjo.36.3.113

Verfasst am 10.10.2019.

© Chakrapong Worathat | Dreamstime.com

Auch noch aufgefallen

Überraschendes zur BCG-Impfung

Von der in der Schweiz früher universell üblichen BCG-Impfung weiss man, dass sie wirksam in der Prävention disseminierter Tuberkulose und der tuberkulösen Meningitis, nicht aber zweifelsfrei der pulmo­nalen Tuberkulose ist. Eine grosse Literatur besteht zu ihren immunmodulierenden Effekten, die in unseren Breitengraden vor allem für Patient(inn)en mit Harnblasenkarzinomen (nicht muskelinvasiv) ausgenützt werden. Bezüglich Wirkung auf Lymphome und Leuk­ämieformen ist die Evidenz für einen Nutzen unklar.

Zwischen 1935 und 1938 wurden durchschnittlich 8-jährige, nicht von Tuberkulose befallene Kinder amerikanischer Indianer und amerikanischer Inuit einfach verblindet, jedoch pla­zebo­kontrolliert mit zwei verschiedenen BCG-Stämmen geimpft. Von 1992–1998 (also mit einem durchschnitt­lichen Follow-up von ­beeindruckenden 60 Jahren) ­wurden diese beiden Gruppen (je ca. 1500 Teilnehmer) einer retro­spektiven Analyse (7% in beiden Gruppen konnten nicht mehr kontaktiert werden) in Bezug auf die Häufigkeiten von Krebserkrankungen unterzogen. Die geimpften Personen wiesen eine Lungenkrebsinzidenz von 18,2 Fällen, die nicht Geimpften eine massiv höhere Inzidenz von 45,4 Fällen auf (jeweils pro 100 000 Patientenjahre, p <0,005).

Andere Krebsformen traten in beiden Gruppen gleich häufig auf. Der Effekt auf die Lungenkrebshäufigkeit war in den genetisch verschiedenen Po­pulationen gleich und persistierte namentlich nach Korrektur für Nikotin­abusus und Alkoholkrankheit, beide von überdurchschnittlicher Prävalenz in diesen Populationen. Man darf gespannt sein auf die Resultate anderer Langzeit-BCG-Kohorten in Grossbritannien und Norwegen.

JAMA Network 2019, doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2019.12014

Verfasst auf Hinweis von Prof. K. Neftel (Gléresse) am 06.10.2019.

© Snowingg | Dreamstime.com

Auch noch aufgefallen

STEMI: «all in one» – falls nicht schockiert

Da zirka die Hälfte von Patient(inn)en mit akutem ST-Hebungsinfarkt eine koronare Mehrgefässerkrankung aufweisen, stellt sich die Frage, ob anlässlich der Erst­intervention nur die den Infarkt verursachenden Verschlüsse/Stenosen wiedereröffnet respektive dilatiert werden sollen («culprit lesion») oder alle relevanten ­Stenosen.

Wir hatten schon kurz und bündig Studien zusammengefasst, die zeigten, dass die Beschränkung auf das Infarktgefäss bei hämodynamisch instabilen Patient(inn)en (kardiogener Schock) eine verbesserte Kurzzeitmortalität erbrachte, während jedoch der längerfristige Verlauf (12 Monate) bezüglich Mortalität nicht unterschiedlich war (Culprit Shock Trial [1]). In der bei Weitem grössten, grundsätzlich gut vergleichbaren ­Serie von Einzelstudien, wurden mehr als 4000 Pa­tient(inn)en mit akutem ST-Hebungsinfarkt entweder mit Dilatation aller angenommen relevanten Stenosen (>70%) oder primär nur des Infarktgefässes behandelt (Complete Trial [2]). Nach drei Jahren Nachbeobachtung waren die gesamte und kardiovaskulär bedingte Mortalität bei beiden Vorgehensweisen gleich, allerdings war die Rate der Reinfarzierungen bei kompletter Di­latation mit 5,4% tiefer als ohne (7,9%), also um etwa ­einen Drittel reduziert.

Obwohl ein kardiogener Schock kein Ausschlusskriterium war, trat bei diesen mehr als 4000 Patient(inn)en angeblich und erstaunlicherweise kein solcher auf!

1 N Engl J Med. 2019, doi.org/10.1056/NEJMoa1808788 und doi.org/10.1056/NEJMoa1710261

2 N Engl J Med. 2019 doi.org/10.1056/NEJMoa1907775

Verfasst am 08.10.2019.

© Dasina Kumpunya | Dreamstime.com

Eher nicht ganz ernst gemeint

Grippe 2019/2020: Impfen Sie in der Mittagspause!

Unter der langen Liste der durch die «innere» biolo­gische Uhr beeinflussten Prozesse, findet sich seit ­neuestem auch die immunologische Antwort auf eine Impfung. Die Peptide eines Impfstoffes werden dem Immunsystem, spezifischer den CD8-T-Zellen, von dendritischen Zellen präsentiert. Die Intensität der ­dadurch ausgelösten protektiven T-Zell-Antwort schwankt erheblich über den 24-Stunden-Verlauf eines Tages und ist um die Mittagszeit am höchsten. Ideal für Impfkampagnen in Ihrer Praxis, Spitälern und anderen Betrieben!

PNAS 2019, doi.org/10.1073/pnas.1905080116

Verfasst am 07.10.2019.

© Odaddy | Dreamstime

 

Prof. Dr. med. Reto Krapf

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