access_time veröffentlicht 03.12.2019

Kurz und bündig Heft 51/52, Teil 1

Prof. Dr. med. Reto Krapf

Kurz und bündig Heft 51/52, Teil 1

03.12.2019

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Fokus auf … Medikamenteninduzierte Ösophagitis

Medikamente
–    Orale Bisphosphonate
–    Tetrazykline und Clindamycin
–    Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR)
–    Kaliumchlorid (KCl) und selten andere (Fallberichte)

Risikofaktoren
–    Vorbestehende funktionelle und strukturelle Ösophagusveränderungen
–    Einnahme in liegender Position
–    Alter

Pathogenese
–    Medikamente als Säuren
–    Lokale Hyperosmolalität (KCl)
–    Zellwandschäden (NSAR)

Ein eindrücklicher Fall einer Tetrazyklin-induzierten Ösophagitis in: Lancet 2019, doi.org/10.1016/S0140-6736(19)32565-6
Verfasst am 11.11.2019.

© Katarzyna Bialasiewicz | Dreamstime.com

Praxisrelevant

Antidepressiva in der Hausarztpraxis

Antidepressiva haben in ihrer Kernindikation einen schweren Stand. Sie bewirken einen statistisch signifikanten, wenn auch bescheidenen Effekt bei ausgeprägten depressiven Episoden. Leider wirken sie bei einem Drittel bis zur Hälfte der Patient(inn)en gar nicht. Eine Personalisierung der antidepressiven Therapie ist also dringend. Was ist aber ihr Effekt bei weiterhin un­selektionierten Patient(inn)en in der Hausarztpraxis?

Hausärztinnen und -ärzte (ohne Pharma-Sponsoring) behandelten in der PANDA-Studie Patient(inn)en mit Depression und Angststörungen plazebokontrolliert mit dem Antidepressivum Sertralin. Die Diagnose wurde im Wesentlichen mit einem Fragenbogen (PHQ-9) gestellt. Nach sechs Wochen war die Depression unter Plazebo und Antidepressivum gleich unbeeinflusst, nach 12 Wochen unter letzterem leicht, aber signifikant besser. Allerdings waren die Angstsymptomatik sowie die subjektiv beurteilte «allgemeine Lebensqualität» und «geistige Gesundheit» deutlich und signifikant besser unter Sertralin.

Also Antidepressiva in der Hausarztpraxis häufiger verschreiben, wie die Autoren empfehlen? Auf jeden Fall wirken sie mehr auf Angst- als auf Depres­sionssymptome und ein Effekt ist erst nach zwei bis drei Monaten abzuschätzen. Einmal verschrieben, müssen sie laut Empfehlungen sechs Monate über die Beschwerdefreiheit (-armut) hinaus weiter ein­ge­nommen werden. Viele Patient(inn)en führen die Therapie aber trotzdem weiter, unter anderem wegen des Absetz- oder Entzugseffektes. Also nach wie vor ein schwieriger und wörtlich weitreichender Entscheid …

Lancet Psychiatry 2019, doi.org/10.1016/S2215-0366(19)30366-9

Verfasst am 21.10.2019.

© Desbod3 | Dreamstime.com

Praxisrelevant

Nicht nur beim amerikanischen Fussball

Wie sähe er aus, wie interessant bliebe die englische Version dieses weltweit am häufigsten betriebenen Ballsports ohne Kopfballspiel? Vielleicht werden wir das schon bald erfahren, denn laut Informationen aus dem Gesundheitsregister von knapp 8000 ehemaligen schottischen Fussballprofis (geboren vor 1977) hatten diese (im Vergleich zu dreimal mehr Kontrollindividuen) eine signifikant erhöhte Wahrscheinlichkeit, eine zentralnervöse degenerative Erkrankung zu erleiden.

Basis für die Analyse waren Todesursachen, ein Index der sozialen Isolierung und die Verschreibehäufigkeit von Demenzmedikamenten. Torhüter scheinen vor dieser Entwicklung relativ geschützt, was rezidivierende Traumata als Folge von Kopfballstössen als wahrscheinlichste Ursache nahelegt. Allerdings war die demenzbedingte Mortalität bei Torhütern nicht geringer. Insgesamt lag die Gesamtmortalität bis etwa zum 70. Altersjahr vor allem wegen geringerer kardiovaskulärer Ursachen bei Profifussballern tiefer, stieg danach aber – demenzbedingt – signifikant über jene der Kontrollgruppe an.

N Engl J Med. 2019, doi.org/10.1056/NEJMoa1908483

Verfasst am 08.11.2019.

© Cosmin Iftode | Dreamstime.com

Praxisrelevant

«Vaping illness»: ein toxisches Vitamin?

Tocopherole (alpha, beta, gamma, «Vitamin E») werden in die doppelschichtige, aus Phospholipiden und Cholesterol bestehende Zellmembran eingebaut und er­höhen dort die sogenannte Gelphase auf Kosten der festen (soliden) Phase der Membran, induzieren also quasi eine Membranverflüssigung (gut bekannt von In-vitro-Tests bei humanen Thrombozyten [1]).

In der Flüssigkeit der Bronchiallavage von Patient(inn)en mit «vaping illness» wurde Vitamin-E-Acetat, aber nicht andere der auch inkriminierten Additiva (Pflanzenöle, Petrol, Terpene etc.) gefunden [2]. Vitamin E wurde in allen 29 untersuchten Proben von Erkrankten gefunden, wobei in 28 der 29 Fälle auch Tetrahydrocannabinol (THC) nachweisbar war, inklusive bei drei Patient(inn)en, die eine THC-Einnahme verneinten. ­

Vitamin E wird dem THC zugesetzt, zumindest in den USA. Vitamin-E-Acetat könnte die Zellmembranen in den Alveolen oder die Surfactant-Flüssigkeit direkt schädigen. Eine Interventionsstudie wohl an einem Tiermodell wäre wichtig. Der offizielle, für das Auffinden weiterer Information wichtige Name für diese Krankheit ist übrigens: «e-cigarette, or vaping, product use associated lung injury», einfacher EVALI. Bis zum 11. November 2019 sind gut 2100 EVALI-Fälle gemeldet, die Mortalität betrug etwa 2%.

1 Biochem Biophys Res Com 1982, doi.org/10.1016/0006-291X(82)91787-9

2 MMWR Morb Mortal Wkly Rep.. 2019, doi.org/10.15585/mmwr.mm6845e2

Verfasst am 11.11.2019.

© Hazem Mohamad | Dreamstime.com

Für Ärztinnen und Ärzte am Spital

Immunglobuline: ohne Nutzen bei Influenza A, dafür bei B?

In einer Studie über fünf Grippesaisons (2013/14–2017/18) in verschiedenen Ländern wurden über 18-jährige (im Falle von Frauen nicht schwangere) Patient(inn)en mit Influenza A oder B doppelblind, prospektiv, randomisiert entweder einmaIig mit Immunglobulinen (0,25 g/kg Körpergewicht, n = 168) oder Plazebo (n = 161) behandelt [1]. Die meisten Patient(inn)en erhielten zusätzlich den Neuraminidasehemmer Oseltamivir. Obwohl die Immunglobuline einen signifikant höheren Titeranstieg (gemessen mit der Hämagglutinationshemmung) induzierten, war ein klinischer Nutzen (Tod, Hospitalisationen, Sauerstoffbedarf, Intensivstationsbedürftigkeit) bei Influenza A nicht nachweisbar. Die Wahrscheinlichkeit solcher Endpunkte bei Infekt mit Influenza B war aber bei der Immuntherapie signifikant tiefer («odds ratio» um 3,2 für alle Endpunkte zusammen). Eine zweite Studie – fokussierend auf den Effekt bei Influenza A – kommt für diesen Infekt zum gleichen Schluss [2].

1 Lancet Respir Med. 2019, doi.org/10.1016/S2213-2600(19)30253-X

2 Lancet Respir Med. 2019, doi.org/10.1016/S2213-2600(19)30199-7

Verfasst am 08.11.2019.

Für Ärztinnen und Ärzte am Spital

Prävention der ventilatorassoziierten Pneumonie

Im Gegensatz zu einer früheren, (zu) kleinen, unizen­trischen Studie führte die plazebokontrollierte Gabe von Amoxicillin/Clavulansäure (3× 1,2 g/Tag für 2 Tage) bei Patient(inn)en mit Reanimation nach Herzkreislaufstillstand ausserhalb des Spitals zu einer Reduktion der Inzidenz einer frühen (erste 7 Tage) ventilator­assoziierten Pneumonie um fast die Hälfte, bei allerdings bescheidener Signifikanz (p = 0,03). In dieser multizentrischen, französischen Studie gehörte eine artifizielle Hypothermie von 32–34 oC zum Protokoll beider Gruppen, die je 99 Patient(inn)en umfassten. Andere Infekte wie katheterassoziierte Infekte oder Harnwegsinfekte wurden nicht signifikant beeinflusst.

N Engl J Med. 2019, doi.org/10.1056/NEJMoa1812379

Verfasst am 08.11.2019.

© Arne9001 - Dreamstime.com

Prof. Dr. med. Reto Krapf

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