access_time veröffentlicht 12.12.2019

Kurz und bündig Heft 51/52, Teil 2

Prof. Dr. med. Reto Krapf

Kurz und bündig Heft 51/52, Teil 2

12.12.2019

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Neues aus der Biologie

Genetik von Krebsgenomen: Wirksamkeits­hinweise für bekannte Medikamente

Diese Studie macht wieder einmal auf die zu limitiert und zu wenig benutzte Möglichkeit der Tumorgenetik aufmerksam: Bei Analyse des gesamten Exoms (aller in RNA/Proteine übersetzten DNA-Abschnitte, sogenanntes «whole exome sequencing») von Zervixkarzinomen wurden eine Reihe von Mutationen in verschiedenen zellulären Prozessen (Wachstumsregulierung, Apoptose, Zellzyklusmechanismen etc.) gefunden. Der mTOR-Weg erwies sich als speziell erfolgversprechend für eine Intervention, und Mutationen in ihm erklären mindestens 70% der Zervixkarzinomentstehung.

Medikamente, die den mutierten Rezeptor des epidermalen Wachstumsfaktors (HER, bekannt vom Mammakarzinom) irreversibel hemmen, in Kombination mit Hemmsubstanzen der nach der Rezeptorwirkung folgenden, ebenfalls mutierten intrazellulären Signalübermittelungen erwiesen sich als hochwirksam in der Induktion und Erhaltung einer Zervikarzinom-Remission (tierexperimentell, Xenotransplantate, siehe Abbildung).

Proc Natl Acad Sci U S A. 2019, doi.org/10.1073/pnas.1911385116

Verfasst am 11.11.2019.

Immer noch lesenswert ...oder lieber vergessen?

Undercover in der Psychiatrie

1970–1972 liessen sich acht «normale» Menschen (darunter auch der Einzelautor) in acht verschiedene psychi­atrische Kliniken einweisen mit der Hauptbeschwerde auditiver Halluzinationen. Ausser einer gewissen nervösen Spannung zu Beginn, die darauf gründete, dass sie Angst hatten, entdeckt zu werden, fühlten sie sich in der Klinik wohl. Verwunderung machte sich bei ihnen breit, wie einfach die Selbsteinweisung umgesetzt wurde. Sofort nach Eintritt erklärten die acht Proband(inn)en, dass die Symptome verschwunden seien und verhielten sich angeblich wie zuhause (halfen bei Stationsverrichtungen und suchten Gespräche mit Mithospitalisierten und dem Personal). Es gelang den Fachkräften anscheinend in keinem Fall, die seelische Gesundheit dieser Leute zu erkennen.

Die weit zitierte Arbeit wird immer noch als Evidenz dafür an­gesehen, dass die Differentialdiagnose normal oder «wahnsinnig» («sane or insane») schwierig war oder vielleicht immer noch ist [1]. Eine Journalistin deckte in aufwendiger Recherche Ungenauigkeiten und fehlende Informationen auf und hat diese in Buchform eben publiziert [2]. Ob dadurch die zentralen Konklu­sionen der Publikation ungültig werden, bleibt unklar. Der Autor kann sich nicht mehr wehren, da er vor ein paar Jahren verstorben ist. Allerdings dürfte seine Arbeit die Problematik zumindest überzeichnet haben. In den frühen 70er Jahren gab es nämlich eine wichtige «Anti-Psychiatrie»-Bewegung, was die Rezeption der Studie bei Reviewern und Lesern einseitig beeinflusst haben könnte. Aus literarischer Sicht ist ihr Titel ziemlich bemerkenswert («On being sane in insane places») …

1 Science 1973, doi.org/10.1126/science.179.4070.250

2 Callahan S. «The Great Pretender». 1st ed. New York: The Grand Central Publishing; 2019

Verfasst am 12.11.2019.

© Olya Solodenko - Dreamstime.com

Auch noch aufgefallen

Orale HPV-Infektionen und Effekt der Impfung in der weiblichen Adoleszenz

Orale Infekte mit humanen Papillomaviren (HPV) können unter anderem durch oralen Sex übertragen werden. Etwa 10% der sexuell aktiven Männer und knapp 4% der sexuell aktiven Frauen weisen einen oralen HPV-Infekt auf, wobei die Häufigkeit mit dem Alter (innerhalb der sexuell aktiven Lebensspanne) zunimmt. Meist sistiert der Infekt nach 1–2 Jahren spontan.

Warum er bei einer Subgruppe persistiert und dann für 70% (wohl meist in Kombination mit Nikotin- und Alko­holabusus) der Oropharynxkarzinome verantwortlich wird, ist nicht bekannt. Die HPV-Vakzinierung richtet sich auch gegen die tumorigenen HPV-Typen im Oropharynx, ob dadurch auch oropharyngeale Karzinome reduziert werden, ist zu erwarten, aber nicht bewiesen [1].

92% von 1259 weiblichen, nach eigenen Angaben sexuell aktiven Adoleszenten aus New York (Bronx, etwa zur Hälfte Schwarze und Hispanikerinnen) berichteten, oralen Sex zu haben / gehabt zu haben. Gut 6% waren zu Beginn der Studie oral HPV-positiv. Diese Positivität ging über vier Jahre etwa auf die Hälfte zurück. HPV-Vakzinierte hatten ein fünffach kleineres Risiko eines Infektes mit den entsprechenden HPV-Vakzinetypen (HPV 6, 11, 16, 18; [2]).

1 www.cdc.gov/cancer/hpv/basic_info/hpv_oropharyngeal.htm

2 JAMA Netw Open. 2019, doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2019.14031

Verfasst am 22.11.2019.

© Snowingg | Dreamstime.com;

Auch noch aufgefallen

Ein «neues» Antibiotikum für die ambulant erworbene Pneumonie

Pleuromutilin ist ein seit den 1950er Jahren bekanntes Antibiotikum aus dem Pilz Pleurotus mutilus (daher sein Name), das via Bindung an die ribosomale RNA die bakterielle Proteinsynthese hemmt. Semisynthetische Derivate von Pleuromutilin wurden bislang in der Tiermedizin und in topischer Applikation für die Impetigo (Retapamulin 1% [Altargo®]) angewendet.

Ein anderes Derivat, Lefamulin (Zulassung durch die «Food and Drug Administration» im August 2019), wurde per os im Vergleich mit Moxifloxacin für die Behandlung ambulant erworbener Pneumonien evaluiert (LEAP2-Studie) und zeigte eine vergleichbare Wirkung (sog. «non-inferiority»). Allerdings traten Diarrhoe mit 12% etwa zehnmal und Nausea mit gut 5% fast dreimal häufiger auf als unter Moxifloxacin. In den USA wird das in der Schweiz noch nicht zugelassene Lefalumin (Xenleta™) intravenös oder oral zu Tagesbehandlungskosten von über 200 US-Dollars vermarktet. Somit dürfte diesem Antibiotikum vorerst Reservestatus vorbehalten sein.

JAMA 2019, doi.org/10.1001/jama.2019.15468

Verfasst am 08.11.2019.

© Igor Stevanovic | Dreamstime.com

In arbeitsreicher Vorweihnachtszeit: Noch kürzer als bündig!

Vestibularistraining online

Für die Erholung der Vestibularisfunktionen ist ein monatelanges Training wichtig. Mit einem Internet-basierten Training konnten in Holland dank einfacherem Zugang für die Patient(inn)en das Training verbessert und die offensichtlich zu wenig verschriebene Therapie auch appliziert werden.

BMJ 2019, doi.org/10.1136/bmj.l5922. Die relevante Website für das Training ist:  https://balance.lifeguidehealth.org. Verfasst am 11.11.2019.

Zweiter Anlauf für monoklonalen Antikörper bei  Morbus Alzheimer

Der in der Schweiz entwickelte Antikörper (Aducanumab) gegen das humane Beta-Amyloid wird von der Firma Biogen nach einer als negativ beurteilten klinischen Studie (Aktienpreis fiel von 320 auf 220 US-Dollars) nun doch der «Food and Drug Administration» unterbreitet (Aktienpreis wieder plus 80 US-Dollars). Bei längerer und hochdosierter (daher wohl auch teurerer) Anwendung sollen gewisse Patient(inn)en (Daten nicht separat publiziert, nachträgliche Subgruppen-Analyse) einen langsameren Verlauf aufweisen.

Nature 2019, doi.org/10.1038/d41586-019-03261-5. Verfasst am 11.11.2019.

Zytomegalie als Wegbereiter für Tuberkulose bei Kindern

Die Immunantwort auf einen Zytomegalie Primoinfekt kann zu einer erhöhten Anfälligkeiten von Kindern auf Tuberkulose führen. Die Aktivität sogenannter «natural killer cells» und die zelluläre Immunantwort (CD3-CD4-CD8) werden durch den Zytomegalie-Infekt unterdrückt und könnten einen Teil der Tuberkulose-Infekte erklären.

JCI Insight. 2019, doi.org/10.1172/jci.insight.130090. Verfasst am 12.11.2019.

© M3hdivir| Dreamstime.com

Wussten Sie?

Ein 78-jähriger Mann mit multiplem Myelom (IgG-kappa) weist ein Kalzium von 2,23 mmol/l, ein normales Kreatinin und eine schwere Hyperphosphat­ämie von 12,9 mmol/l auf. Die wahrscheinlichste Ursache der Hyperphospha­­­­t­ä­mie ist:

A) Sekundärer Hypoparathyreoidismus (im Rahmen eines sog. POEMS: Polyneuropathie, Organomegalie, Endokrinopathie, M-Gradient, Hautveränderungen)

B) Hämolytische Anämie

C) Pseudohyperphosphatämie

Prof. Dr. med. Reto Krapf

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