Leserbrief

«Sisyphusarbeit»: Ist die Diskussion über Evidenz-basier­te Medizin ein Fass ohne Boden?

DOI: https://doi.org/10.4414/smf.2019.08351
Veröffentlichung: 31.07.2019
Swiss Med Forum. 2019;19(3132):524

Dr. med. Georgios Kallivroussis, Binningen

«Sisyphusarbeit»: Ist die Diskussion über Evidenz-basier­te Medizin ein Fass ohne Boden?

Leserbrief zu: Steurer J. Das Ergebnis einer Studie ist ­Evidenz. Swiss Med Forum. 2019;19(15–16):246; Nordmann A. Fallstricke der EBM oder ­interventionelle Ungeduld? Swiss Med Forum. 2019;19(15–16):247–8; Meier B, Nietlispach F. Fallstricke der Evidenz-basierten Medizin. Swiss Med Forum. ­2019;19(15–16):254–8.

Die Diskussion über Sinn und Unsinn der Evidenz-basierten Medizin, die kürzlich im Swiss Medical Forum entfacht wurde [1–3], hat insofern einen Sinn, indem sie überhaupt das Thema enttabuisiert.

Als Arzt im Ruhestand, der sowohl in der Praxis als auch in der Forschung tätig war, bin ich imstande zu ahnen, dass diese Diskussion, die einem Fass ohne Boden oder Sisyphus­arbeit ähnelt, nie zu einem Fazit kommen wird!

Der Grund ist einleuchtend: Gern wird übersehen, dass «fehlende Evidenz für die Wirkung nicht Evidenz für fehlende Wirkung ist». Es kann sein, dass die Evidenz nicht nur aus klinischen Studien entsteht, wie Herr Prof. Steurer schreibt [1], sie ist aber ohne klinische Studien undenkbar. Klinische Studien sind derart teuer (sie können in die Milliarden gehen), dass sie de facto nur von der Pharmaindustrie finanziert werden können. Die Indus­trie ist naturgemäss gewinnorientiert, womit Diskrepanzen entstehen.

Unsere früheren klinischen Studien, obwohl sie nicht in die Zwangsjacke der von der «Food and Drug Administration» (FDA) erzwungenen «Good Clinical Practice» (GCP) eingeengt wurden, waren nicht weniger aussagekräftig. Zudem waren sie sogar kostengünstiger. Geplant und durchgeführt gemäss den Ausführungen des Klassikers von Paul Martini («Methodenlehre der Therapeutisch-Klinischen Forschung») und ausgewertet nach der Biome­trie von Luigi L. Cavalli-Sforza und den «Wissenschaftlichen Tabellen Geigy» waren sie auch randomisiert, kontrolliert und doppelblind! Die Resultate haben wir nicht als Evidenz eintaxiert. Wir waren bescheidener und sprachen von «Indizien», die uns gestatteten drei Kategorien zu bilden und daraus unsere Schlüsse für die Praxis zu ziehen:

1. statistisch signifikant (p<0, …) und klinisch relevant;

2. statistisch nicht signifikant (p>0, …) und klinisch relevant;

3. weder noch.

So entstanden auch viele der bekanntesten Medikamente der Basler Pharmaforschung sowie andere therapeutische Methoden.

Den jungen Medizinern, die sich «signi­fikant» von der philosophischen Seite der Medizin, respektive vom empirischen Denken, ­ent­fernt haben, obliegt es, ein neues Instrumentarium als richtige Balance zwischen «Evidenz» und «Indiz» zu schaffen. Die Medizin war und ist eine empirische Wissenschaft und deswegen kann sie nicht mit 100% Beweisen interpretiert werden.

Replik

Der Autor hat auf eine Replik verzichtet.

Credits

Kopfbild: © Thomas Gowanlock | Dreamstime.com

Literatur

1 Steurer J. Das Ergebnis einer Studie ist ­Evidenz. Swiss Med Forum. 2019;19(15–16):246.

2 Nordmann A. Fallstricke der EBM oder ­interventionelle Ungeduld? Swiss Med Forum. 2019;19(15–16):247–8.

3 Meier B, Nietlispach F. Fallstricke der Evidenz-basierten Medizin. Swiss Med Forum. 2019;19(15–16):254–8.

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