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20 Jahre Swiss Medical Forum
«Der Arztberuf im Schlaglicht»

Die aktuelle SMF-Jubiläumsausgabe birgt erneut einen bunten Reigen an medizinischen Entwicklungen:

In der Hepatologie verfolgt Markus Heim den eindrücklichen Zeitstrahl, der die Hepatitis C als eine der häufigsten Ursachen für Zirrhose und Lebertrans­plantation zu einer heilbaren Entität geführt hat.

Beat Hintermann und Roxa Ruiz illustrieren für die ­Orthopädie und Traumatologie die zunehmende Ablösung der Sprunggelenksarthrodese durch eine Prothese als funktional valable und weniger schmerzhafte Alternative.

Peter M. Villiger im Schlaglicht Rheumatologie beleuchtet schliesslich anhand des revolutionären Konzeptes des Immun-Tunings mittels Biologika neue Behandlungskonzepte in der Therapie von Vaskulitiden und Kollagenosen.

Ganz besonders ans Herz legen möchte ich Ihnen aber den fächerübergreifenden Artikel zur Entwicklung im Arztberuf.

«Panta rhei – alles fliesst» – dem berühmten Zitat und der Konklusion von Francis A. Waldvogel kann man nur beipflichten: die Dynamik im Arztberuf ist enorm. Mit dem Aufkommen der modernen Bildgebung, der ­molekularen Medizin und big data unterstreicht der Schlaglichtautor die exponentiellen Entwicklungen in unserem Berufsfeld während der letzten 20 Jahre exemplarisch.

Wiederum mit Heraklit, der nicht umsonst den Beinamen «der Dunkle» (sic!) trug, könnte man anfügen: «Viele Dinge zu wissen, heisst noch nicht, sie zu ­verstehen». Neben den erwähnten Veränderungen, welche der Autor anhand drei grosser Felder – medizinische Wissenschaft, Erkrankte und Ärzteschaft – skizziert, sei hier eine weitere Entwicklung nicht unerwähnt: «Hyposkillia»«the defiency of clinical skills», konkret also die Lücken im Beherrschen klinischer ­Fähigkeiten. Diese Entwicklung betrifft in erster Linie die Ausbildung zum Arztberuf und sie ist auch nicht neu, aber sie hat sich durch die Pandemie vermutlich aggraviert.

Wenige haben diesen Zustand so treffend und pointiert beschrieben wie Herbert L. Fred (1929-2018). Sein vor mehr als fünfzehn Jahren publiziertes Pamphlet [1] liest sich schon beinahe prophetisch. Es lässt sich nicht wegdiskutieren: Wir befinden uns in einem wachsenden Spannungsfeld zwischen sinnvoller Medizin und Betriebsökonomie; wir befassen uns immer mehr mit administrativen Tätigkeiten und wenig wertschöpfenden «Bullshit Jobs» [2]. Unsere ­eigentliche Existenzberechtigung als Ärztinnen und Ärzte im klinischen Alltag – nämlich die optimale ­Behandlung kranker Menschen und die Ausbildung ­eines exzellenten Nachwuchses – droht dabei mitunter etwas in Vergessenheit zu geraten.

In diesem Sinne brauchen wir, um es mit Herbert Fred zu sagen, auch in Zukunft Ärztinnen und Ärzte, die wissen, weshalb man einen Test anordnet und wie man ihn interpretiert, wir brauchen Medizinerinnen und Mediziner, die aushalten können, dass exspektatives Beobachten nicht gleichzusetzen ist mit Nichtstun, und die verstehen, dass die Erkrankten bisweilen gesund werden, nicht weil, sondern obwohl wir sie behandeln.

Hier stehen wir alle in der Pflicht: als engagierte klinische Lehrende und vor allem als Rollenmodelle. Diese Vorbilder wird es, unabhängig von der Richtung weiterer Entwicklungen in der Medizin, auch künftig dringend brauchen.

Mit dem Artikel von Francis Waldvogel und den weiteren «Highlights» dieser Schlaglichtnummer wünsche ich Ihnen ein anregendes Lesevergnügen!

Kopfbild: © Sumie Nomoto | Dreamstime.com

1 Fred HL. Hyposkillia. Defiency of clinical skills. Tex Heart Inst J 2005;32(3):255–7.
2 Marc Tribelhorn. Heute schon administriert? NZZ. [Internet]. 2018, Sept. 18 [cited 2022 Feb. 28]. 12. Available from: https://www.nzz.ch/meinung/heute-schon-administriert-ld.1420852.

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