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«Der heutige Stand des Irrtums»

Der heutige Stand des Irrtums

Leserbrief zu: Krapf R. Kurz und bündig. Swiss Med Forum. 2022;22(15–16):260–1.

Ich führe mir immer wieder gerne das Swiss Medical Forum (SMF) zu Gemüte, besonders auch die Rubrik «Kurz und bündig» von Professor Reto Krapf. Dabei staune ich nicht selten, wie die medizinischen Opinion-Makers ihre eigenen Glaubenssätze ändern, ja diesen zum Teil diametral widersprechen!

In einer der letzten SMF-Ausgaben [1] kamen anlässlich Ostern die einst verteufelten Eier wieder zu neuen Empfehlungen [2]. Nach früherer Einschätzung eines schädlichen Effekts auf die Blutlipide wird ihnen jetzt ein vielleicht sogar positiver kardiovaskulärer Einfluss zugeschrieben. Die unkomplizierte Appendicitis acuta darf man heute mit Antibiotika behandeln [3] – zu meiner Assistenzzeit eine Kardinalssünde. Dann denke ich an die einst fast obligatorische Hormonsub­stitution für unsere postmenopausalen Mütter, deren Effekt heute weitgehend als kontrovers beurteilt wird. Schmerzlich für den passionierten Weintrinker auch die neuste Erkenntnis, dass schon kleinste Mengen des Rebensafts schädlich sein sollen [4], nachdem noch bis vor Kurzem 2–3 Gläschen eine segensreiche Wirkung zugeschrieben wurde.

Noch weiter zurück erinnern wir uns an die universitären Koryphäen und Professoren (sicher nicht weniger gescheit als die heutigen), die mit dem in unserer Zeit als irrsinnig anerkannten Pariser-Pest-Gutachten von 1348 die Seuche mit einer astralen Konstellation und, der Wahrheit noch am nächsten kommenden, «Pesthauch»-Theorie erklärten [5]. Lehrreich ist auch ein Blick in das 1910 publizierte Buch «Die Welt in 100 Jahren», eine für die Wissenschaft ähnliche Ausgabe des dystopischen Romans von George Orwell, «1984». Darin stellten Experten verschiedener Bereiche Prognosen, wo ihr Spezialgebiet in 100 Jahren stehen werde [6]. In der Medizin wurde das Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte Radium (Curie: Nobelpreis 1903 und 1911) respektive seine Strahlung als Allerheilmittel vorausgesagt, das die Probleme Krebs, Tuberkulose, Blindheit, den Alterungsprozess und viele andere Krankheiten ein für allemal lösen sollte. Dabei dachte der renommierte Experte nicht an die heutige zellentötende Strahlentherapie, sondern an einen stimulierenden Effekt, der ein «Zeitalter völliger Krankheitslosigkeit» einläuten werde.

Mit obigen Aussagen möchte ich die medizinischen Fortschritte und Forschungsresultate keinesfalls schlecht reden. Es gibt unleugbare Errungenschaften, die mich staunen lassen. Aber fallen wir nicht in eine blinde Wissenschaftsgläubigkeit, die den Fortschritt behindert. Seit Descartes ist anerkannt, dass Fortschritt nur möglich ist, wenn wir immer wieder alles infrage stellen. Die Daseinsberechtigung des wahren Wissenschaftlers sollte «dubito, ergo sum» sein, der sich bewusst ist, dass das heutige Wissen in Teilen auch der Stand des «heutigen Irrtums» ist.

Der Autor hat deklariert, keine potentiellen Interessenskonflikte zu haben.

Kopfbild: © Thomas Gowanlock | Dreamstime.com

1 Krapf R. Kurz und bündig. Swiss Med Forum. 2022;22(15–16):260–1.
2 Mesas AE, Garrido-Miguel M, Fernández-Rodríguez R, Fernández Franco S, Lugones-Sánchez C, García-Ortiz L, Martínez-Vizcaíno V. Egg Consumption and Blood Lipid Parameters According to the Presence of Chronic Metabolic Disorders: The EVIDENT II Study. J  Clin Endocrinol Metab. 2022;107(3):e963–e972.
3 CODA Collaborative; Davidson GH, Flum DR, Monsell SE, Kao LS, Voldal EC, Heagerty PJ, et al. Antibiotics versus Appendectomy for Acute Appendicitis – Longer-Term Outcomes. N Engl J Med. 2021;385(25):2395–7.
4 Biddinger KJ, Emdin CA, Haas ME, Wang M, Hindy G, Ellinor PT, et al. Association of Habitual Alcohol Intake With Risk of Cardiovascular Disease. JAMA Netw Open. 2022;5(3):e223849.
5 Leven KH. Die Geschichte der Infektionskrankheiten – Von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Landsberg/Lech: ecomed verlagsgesellschaft AG & Co. KG; 1997. https://www.igem.med.fau.de/files/2020/03/LEVEN_Geschichte-der-Infektionskrankheiten_1997.pdf
6 Brehmer A. Die Welt in 100 Jahren. Hildesheim, Zürich, New York: Georg Olms Verlag; 2021.

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