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Replik

Die sagittale Balance und Haltungsinstabilität der Wirbelsäule gehören zu den komplexesten Themen in der Wirbelsäulenchirurgie. Unser Artikel im Swiss Medical Forum [1] thematisiert die grundlegenden Prinzipien auf dem Gebiet. An diesem knöchernen Thema kann man sich sprichwörtlich die Zähne ausbeissen, und das geht nicht nur fachfremden Personen so, sondern auch den Expertinnen und Experten.

Anfangs fühlt man sich beim Betrachten des Konzepts der sagittalen Balance etwas alleine gelassen – wie in einem Film ohne das erwartete Happy End. Viele Fragen tun sich auf und bleiben unbeantwortet. Nachvollziehbar entsteht die Sorge, dass jeder krumme Mensch geometrisch vermessen und damit eine Kandidatin / ein Kandidat für eine komplexe Aufrichtungsoperation der Wirbelsäule wird. Das ist nicht der Fall. Es geht hier nicht um einfache Haltungsanomalien oder Lifestyle-Haltungsinsuffizienz, sondern um einen Zerfall der Körperhaltung aufgrund schwerer Wirbelsäulendegeneration. Massiv aus dem Lot geraten beklagen die Betroffenen Strapazen, sich fortzubewegen, haben Erschöpfungsschmerzen durch die nicht mehr zu kompensierende Fehlhaltung. Die Lebensqualität ist in diesem Zustand nicht mehr vorhanden. Massgebliche Ursache ist die knöcherne Degeneration der Wirbelsäule. Aber auch das «Fleisch am Knochen» (Bein- und Rückenmuskulatur, die gros­sen Gelenke wie Hüfte, Knie und zahlreiche andere individuelle Parameter) trägt einen schwer objektivierbaren Anteil im gesamten Haltungskon­strukt bei. Die geometrischen Parameter können nur teilweise diese Komplexität widerspiegeln, sind aber als Grundlage zum Verständnis des Ganzen unverzichtbar. Aber es ist eben auch nicht die simple Anleitung für Fahrradmechaniker, die es schablonenhaft zu befolgen gilt, um ein Bike zu optimieren, sondern die Basis, mit der jede instrumentierte Operation an der Wirbelsäule geplant und durchdacht werden sollte, um die Statik der Wirbelsäule schon gar nicht aus dem Lot zu bringen.

Schliesslich beschreibt unser Artikel nur das Grundwissen zur sagittalen Balance. Durch Kenntnis der Grundlagen kann man aber noch nicht pauschal einen Behandlungsplan ableiten. Dazu braucht es die individuelle und patientenspezifische Kenntnis der Situation und die fachkundige Erfahrung – dafür sind wir schliesslich nicht nur Medizinerinnen und Mediziner mit Fachwissen, sondern Ärztinnen und Ärzte. Die sagittale Balance bleibt ein Thema, das auch auf Fachtagungen vehement diskutiert und weiterentwickelt werden wird. Komplexe Themen wie dieses können nicht in einem Übersichtsartikel vollumfänglich abgearbeitet werden. Es braucht aber einen Einstieg in die Materie. Diesen hoffe ich, haben wir mit unserem Artikel vermitteln können.

Image d'en-tête: © Thomas Gowanlock | Dreamstime.com

1 Ulrich CT, Schär RT, Jesse CM, Fichtner J, Raabe A, Payer M, et al. Sagittale Balance und Haltungsinstabilität als Kriterien für Wirbelsäulenoperationen. Swiss Med Forum. 2021;21(31–32):536–40.

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