access_time veröffentlicht 19.12.2019

Kurz und bündig Heft 1/2, Teil 1

Prof. Dr. med. Reto Krapf

Kurz und bündig Heft 1/2, Teil 1

19.12.2019

Lesen Sie die neuesten "Kurz und bündig"-Beiträge hier.

Fokus auf ... Kontaktlinsen und Augenbeschwerden

– Weltweit gibt es 140 Millionen Kontaktlinsen-Träger(inn)en.

– Die Erstanfrage bei Problemen mit Kontaktlinsen geht in 40% aller Fälle zuerst an die Hausärztinnen und -ärzte.

– Dislozierte Linsen (meist im oberen Fornix) und lokale Irritationen mit «Fremdkörpergefühl» sind die häufigsten Beschwerden.

– Wichtigste Risikofaktoren für Keratitis:

  • schlechte Händehygiene;
  • zu lange Tragedauer (z.B. auch nachts).

– Warnzeichen: Schmerzen, Photophobie, gerötete Augen = Verdacht auf (mikrobielle) Keratitis!

– Wenn Trias vorhanden: notfallmässige augenärztliche Beurteilung am gleichen Tag.

– Therapie:

  • keine Kontaktlinsen bis zur vollständigen Heilung;
  • topische Antibiotika (Fluoroquinolone);
  • topische Mydriatika (Zykloplegika) zur Schmerzreduktion.

BMJ 2019, doi.org/10.1136/bmj.l6337; In dieser Arbeit findet sich auch eine gute Anweisung, wie man schonend Zugang zur oberen Fornix (z.B. für Fremdkörperentfernung) findet.

Verfasst am 01.12.2019.

© Teodororoianu | Dreamstime.com

Praxisrelevant

Nierenfunktion in die Berechnungen des kardiovaskulären Risikos miteinbeziehen!

Die chronische Nierenerkrankung ist ein unterschätzter und selten als solcher wahrgenommener Risiko­faktor für das Auftreten und die Progression einer Atheromatose. Die Nierenfunktion wird denn auch traditionell nicht in die Kalkulation des kardiovaskulären Risikos miteinbezogen. Welcher Parameter der Nierenfunktion könnte sich am besten dazu eignen? In der mehr als 440 000 Teilnehmer(inn)en umfassenden britischen «UK Biobank» erwies sich die auf einer Cystatin­bestimmung basierte Schätzung der glomerulären Filtrationsrate (GFRcys) als deutlich besser prädiktiv als eine kreatininbasierte GFR-Berechnung (die klassische eGFR). Zusammen mit der Albuminurie verbesserte die GFRcys klassische Risikoberechnungen für kardiovaskuläre Erkrankungen und die Mortalität.

Nat Med. 2019, doi.org/10.1038/s41591-019-0627-8

Verfasst am 26.11.2019.

Für Ärztinnen und Ärzte am Spital

Eine «Niederlage» als Basis zum Erfolg

In der kompetitiven biomedizinischen Forschungs­förderung ist die Situation für junge Forscherinnen und Forscher oft schwierig, denn die Annahme oder Ablehnung ihres ersten eigenen Forschungsgesuchs kann darüber entscheiden, ob die wissenschaftliche Arbeit fortgesetzt wird. Eine Arbeit zeigt nun, dass man nicht zu schnell aufgeben sollte, denn: Beobachtungen bei fast 1000 jungen Forscherinnen und Forschern aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen zeigte, dass nach Erhalt einer knappen Ablehnung diese längerfristig – unter anderem am «impact factor» gemessen – wichtigere Publikationen aufwiesen. Dies im Vergleich zu den Kolleginnen und Kollegen, die es bei der Gesuchseinreichung gerade noch knapp geschafft hatten. Also nicht enttäuscht sein, sondern, wenn man nahe dran ist, es nochmals versuchen oder «reculer pour mieux sauter»!

Harvard Business Review 01.10.2019.

Verfasst am 26.11.2019.

Neues aus der Biologie

Süsse Träume nach Schlafentzug

Schlafentzug wird für die Präferenz von «energiedichten» Nahrungsmitteln (Süssspeisen, Fettiges) und damit für Gewichtszunahmen verantwortlich gemacht. Im Rahmen eines Cross-over-Design wurden 25 menschliche Proband(inn)en entweder acht Stunden oder nur vier Stunden schlafen gelassen. Nach Schlafentzug war zwar die eingenommene Gesamtkalorienmenge im Vergleich zum Tag nach acht Stunden Schlaf etwa gleich, aber die Proband(inn)en wählten aus einem Buffet deutlich signifikant mehr Süsses und Fettiges. Laut verschiedenen Untersuchungen inklusive funktionellen MRIs des Gehirns dürfte es sich dabei um eine Geruchsveränderung, induziert durch ein aktiviertes endocannabinoides System, handeln. Das endocannabinoide System reguliert komplexe Funktionen des Zentralnervensystems, unter anderem auch den Appetit. Die olfaktorischen Zentren (im Cortex piriformis) wurden durch den Schlafentzug ebenfalls aktiviert.

Die Autoren weisen darauf hin, dass in den USA jeder dritte Erwachsene weniger als sechs Stunden Schlaf bekommt, dass dieser Mechanismus wohl neben vielen anderen also die Wahl auf eher ungesunde Speisen fallen lassen könnte. Der Schlafentzug in der Studie war aufgezwungen, ob die Resultate auch bei selbst gewählten oder habituellen kurzen Schlafzeiten zutreffen, muss offen bleiben. In kurz und bündiger Beobachtung gibt es unter den langlebigen, aber auch unter aktiven und kreativen Mitmenschen sehr viele Kurzschläfer.

eLife 2019, doi.org/10.7554/eLife.49053

Verfasst am 26.11.2019.

© Natalia Melikhova | Dreamstime.com

Neues aus der Biologie

ApoE2, ApoE3 und ApoE4: Risiko oder Schutz vor ­Alzheimer

Bei einer autosomal-dominanten Form des Morbus (M.) Alzheimer ist eine Mutation im Präsenilin-1-Gen ursächlich und führt zu einer Beta-Amyloid42-Überproduktion und einem Krankheitsbeginn um das 45. Lebensjahr. In einer mehr als 1000 Individuen umfassenden Kohorte (Kolumbien) fiel auf, dass eine einzelne Patientin mit nachgewiesener Präsenilin-1-Mutation erst im Alter von 70 Jahren eine milde kognitive Dysfunktion aufzuweisen begann. Im PET-CT wies die Patientin massive Amyloidablagerungen, aber sehr wenig Tau-Proteine und einen eher tiefen Spiegel des Neurofilament-L (ein potentieller Biomarker für neurodegenerative Erkrankungen) auf. Diese Patientin war homozygot für eine zusätzliche, inaktivierende Mutation im Lipoprotein ApoE3. Amyloidablagerungen per se sind also scheinbar nicht mit einer frühen Demenzentwicklung assoziiert und ApoE3 könnte ein wichtiger Progres­sionsfaktor sein, dessen Mechanismus aber noch zu klären bleibt. Gleichzeitig ist eine Hemmung dieses Lipoproteins ein lohnendes therapeutisches Ziel beim M. Alzheimer. Während das ApoE2* eine gewisse Risikoreduktion für M. Alzheimer bringt, sind ApoE3 (nicht mutiert) und ApoE4 mit erhöhtem Risiko und schnellerer Demenzprogression vergesellschaftet. * Die Zahlen bedeuten die verschiedenen Allele des ApoE-Lokus.

Nat Med 2019, doi.org/10.1038/s41591-019-0611-3

Verfasst am 26.11.2019.

Immer noch lesenswert

Medizinische Publizistik: die «­Ingelfinger-Regel» wieder aktuell

Vor 50 Jahren publizierte der damalige Chefredaktor des New England Journal of Medicine die später nach ihm benannte Regel, dass medizinische Fachinforma­tionen zuerst in der die Peer-Review durchführenden Zeitschrift und erst danach in der Sekundär- und Laienpresse publiziert werden dürfen [1]. Frühere, andernorts erschienene Publikationen mit ähnlichem Inhalt durften ebenfalls nicht mehr publiziert werden, wobei sogenannte «Abstracts» an wissenschaftlichen Kongressen eine Ausnahme bildeten und auch bilden. Franz Ingelfinger war gemäss einem der Nachfolger in seinem Amt, Arnold S. Relman, ehrlich genug, den Eigennutzen dieser Publikationsexklusivität auch für «sein» Journal zuzugeben [2].

Obwohl die attraktivsten medizinischen Zeitschriften heute für die Weiterverbreitung ein zeitliches Embargo definieren, ist die Ingelfinger-Regel de facto oft ausser Kraft gesetzt. Laienmedien (die von Universitäten und auch Journalen mit Vorabdrucken und sogar Zusatzinformationen schon während der Sperrfrist bedient werden) publizieren ihre Interpretationen (oder jene der sie bedienenden Interessengruppe!) einer Arbeit meist parallel und fast immer, bevor die auf diesem Gebiet beschlagenen Fachexperten die neue Arbeit richtig studieren konnten. Damit wird ein – modern ausgedrückt – medizinischer «Hype» nicht zuletzt auch in Finanz- und Laienwelten entfacht. Dieser bedroht nach unserer Einschätzung den echten Fortschritt für die Patient(inn)en zumindest kurz- bis mittelfristig. Die Qualitätsbeurteilung («Wahrheitsfindung») kann nicht nur die Peer-Review verantworten (schon gar nicht die voreilige Streuung), sie wird erst nach gründlicher Diskussion in Expertenkreisen verlässlicher.

1 NEJM 1969, doi.org/10.1056/NEJM196909182811208

2 NEJM 1981, doi.org/10.1056/NEJM198110013051408

Verfasst am 02.12.2019, angeregt durch eine Diskussion mit Herrn Prof. Th. Heidegger, Chefarzt Departement Anästhesie, Spitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland.

Prof. Dr. med. Reto Krapf

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